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Dein Kind kämpft beim Lesen oder Schreiben, und du fragst dich: Ist das Legasthenie / LRS? Der erste Impuls vieler Eltern ist, online einen „Legasthenie-Test“ zu suchen. Verständlich, aber ein einzelner Fragebogen ersetzt keine standardisierte Diagnose nach ICD. Was eine echte Diagnose tatsächlich bedeutet, wie der Prozess abläuft und was danach passiert, erkläre ich hier.
Lieber hören statt lesen? Weiter unten geht es zu meiner Podcastfolge zum Thema.
Was bedeutet „Diagnose Legasthenie“ eigentlich?
Eine Diagnose nach ICD kann Gewissheit verschaffen. Zwingend notwendig ist sie aber nicht, um Unterstützung für dein Kind zu bekommen. Und noch bevor es ins Detail geht: Eine Diagnose ist keine feste, lebenslange Festlegung, sondern beschreibt den aktuellen Entwicklungsstand deines Kindes. Viele Schulen und Stellen verlangen deshalb einen aktuellen Nachweis. Aus meiner Erfahrung wird er oft nach etwa zwei Jahren neu verlangt, das ist aber je nach Stelle unterschiedlich. Das heißt aber nicht, dass eine Legasthenie / LRS sich damit einfach „auswächst“: Je nach Ausprägung bleiben die Schwierigkeiten bestehen, auch wenn die Diagnose selbst neu bestätigt werden müsste. Mehr dazu, was die Gehirnforschung zu den Ursachen zeigt: Ist Legasthenie / LRS heilbar? Was die Gehirnforschung zeigt.
Die Diagnose klärt dabei auch, welche der drei Formen genau vorliegt, denn Legasthenie / LRS bedeutet nicht automatisch, dass sowohl Lesen als auch Schreiben betroffen sind. Mehr dazu: Legasthenie / LRS: Nur Rechtschreibschwäche, nur Leseschwäche oder beides? Die drei Formen erklärt.
Wer darf die Diagnose stellen und wie läuft sie ab?
Eine Diagnose nach ICD stellen Fachpersonen mit ärztlicher oder psychotherapeutischer Zulassung, zum Beispiel Fachärztinnen und Fachärzte für Kinder- und Jugendpsychiatrie oder Psychologische Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten. Lerntherapeutinnen, Lerntherapeuten und Lehrkräfte stellen keine ICD-Diagnose.
Die Diagnostik ist dabei eine Ausschlussuntersuchung: Bevor Legasthenie / LRS festgestellt wird, muss die Fachperson ausschließen, dass die Schwierigkeiten stattdessen andere Ursachen haben, etwa eine allgemeine Intelligenzminderung, eine allgemeine Entwicklungsverzögerung, eine unkorrigierte Seh- oder Hörstörung, unzureichende Beschulung oder eine psychische, neurologische oder motorische Störung (AWMF S3-Leitlinie 028-044). Erst wenn all das ausgeschlossen ist und die Lese- und/oder Rechtschreibleistung trotzdem deutlich unter dem zu erwartenden Niveau liegt, steht die Diagnose.
Manche Kinder liegen mit ihren Testergebnissen nur knapp über dieser Schwelle. Sie bekommen dann keine offizielle Diagnose. Das heißt aber nicht, dass sie weniger Schwierigkeiten haben, sondern nur, dass ihnen der Zugang zu den offiziell diagnosegebundenen Unterstützungsangeboten fehlt.
Für die eigentliche Leistungsmessung kommen standardisierte Testverfahren zum Einsatz, je nach Alter zum Beispiel:
- Vorschulalter: Verfahren wie das Würzburger Screening „Laute, Reime, Sprache“ prüfen die phonologische Bewusstheit, also die Fähigkeit, Laute in Wörtern zu erkennen und zu unterscheiden, einer der stärksten Frühindikatoren (Lenhard, 2025).
- Schulalter: Verfahren wie ELFE (Leseverständnis/-geschwindigkeit), die Hamburger Schreibprobe (HSP) oder das Salzburger Lese-Screening (SLRT II) prüfen Lese- und Rechtschreibleistung im Vergleich zur Altersgruppe.
Am Ende steht ein Ergebnis, das einordnet, wo dein Kind im Vergleich zur Altersgruppe steht, und woraus sich konkrete Fördermaßnahmen ableiten lassen.
Förderdiagnostik oder medizinische Diagnose: was brauchst du wirklich?
Hier herrscht oft Verwirrung, deshalb einmal klar getrennt:
- Willst du erstmal nur wissen, ob da mehr dahinterstecken könnte? Die Kurzanalyse gibt dir in wenigen Minuten eine erste, unverbindliche Einschätzung, bevor du dich für einen der beiden folgenden Wege entscheidest.
- Förderdiagnostik stellt fest, wo genau die Schwierigkeiten liegen. Das kann eine qualifizierte Lerntherapeutin oder ein Lerntherapeut übernehmen, auch online, kein Facharzttermin nötig.
- Medizinische Diagnose nach ICD: Wer sie stellen darf und wie sie abläuft, steht oben. Sie ist etwas anderes als die Förderdiagnostik und ist z. B. Grundlage für Anträge auf Förderung, Nachteilsausgleich (NTA) oder Notenschutz in der Schule.
Was passiert nach dem Test?
Für viele Eltern ist das Ergebnis erst einmal vor allem eins: Klarheit. Die Ungewissheit bekommt einen Namen: Die Diagnose nach ICD zeigt, ob eine Legasthenie / LRS vorliegt. Wichtig zu wissen: Eine solche Diagnose ist kein Stempel fürs Leben. Sie beschreibt nur den aktuellen Entwicklungsstand deines Kindes, deshalb wird sie von manchen Stellen nach einigen Jahren neu verlangt. Das heißt nicht, dass der Weg für dein Kind damit vorbestimmt ist: Es ist möglich, gezielt zu unterstützen. Die Diagnose ist der Ausgangspunkt für einen Antrag auf Nachteilsausgleich (NTA) oder Notenschutz in der Schule. Entscheidest du dich für eine Lerntherapie, ist außerdem möglicherweise eine Förderung über das Jugendamt (§ 35a SGB VIII) möglich. Zeigt dein Kind zusätzlich schon Angst vor der Schule, findest du in „Schulangst bei LRS oder Rechenschwäche“ konkrete Schritte dagegen.
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Häufige Fragen
Kann ich die Diagnose auch online machen lassen?
Das kommt darauf an, welche Diagnose gemeint ist: Die Förderdiagnostik läuft bei uns komplett online, mit denselben Verfahren wie vor Ort. Die medizinische Diagnose nach ICD kann dagegen nicht online gestellt werden.
Ab welchem Alter ist eine Diagnose sinnvoll?
Hier gehen die Meinungen auseinander. Die von der Leitlinie empfohlenen Testverfahren sind selbst nach Klassenstufe gestaffelt und beginnen bereits ab der 1. Klasse (z. B. ELFE 1-6, DERET 1-2, HSP 1-10, WRT 1+). In der Praxis heißt es aber häufig, eine verlässliche Diagnose sei erst ab der 2. Klasse möglich (so z. B. Lenhard, 2025), teils wird sogar erst die 3. Klasse empfohlen. Vorschulische Screenings wie das Würzburger Screening „Laute, Reime, Sprache“ können erste Risikohinweise liefern, erfüllen aber laut Leitlinie nicht die Kriterien eines vollständigen diagnostischen Verfahrens, sie ersetzen also keine Diagnose.
Ersetzt ein Online-Fragebogen die Diagnose?
Nein, weder beim Facharzt noch bei der Förderdiagnostik. Ein Fragebogen kann einen ersten Verdacht einordnen helfen. Auch die Förderdiagnostik zeigt schon, wo dein Kind aktuell steht, ersetzt aber ebenfalls keine Diagnose nach ICD, die stellen Fachärztinnen und Fachärzte oder Psychologische Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten.
Brauche ich für den Nachteilsausgleich in der Schule eine ärztliche Diagnose?
Das lässt sich nicht pauschal beantworten: Es hängt vom Bundesland ab. Im Zweifel hilft die Nachfrage bei der Schule, dem zuständigen Kultusministerium oder den Landesverbänden des Bundesverbands Legasthenie und Dyskalkulie weiter.
Wie häufig ist eine Legasthenie / LRS?
Kombiniert sind etwa 8 % aller Kinder betroffen, mit isolierter Rechtschreibstörung bei rund 7 % und isolierter Lesestörung bei rund 6 % (Galuschka & Schulte-Körne, 2016). Anders als früher schaut die Diagnostik dabei nicht mehr zwingend auf eine Lücke zwischen IQ und Leseleistung, sondern vor allem darauf, ob ein Kind zu den schwächsten rund 7 % seiner Altersgruppe gehört. Knapp darüber (Prozentrang 7 bis 16) ist die Diagnose nach den deutschen Leitlinien möglich, wenn zusätzlich eine deutliche Lücke zur Intelligenz besteht (Lenhard, 2025, S. 74 f.).
Mehr zum Thema in meiner Podcastfolge „Soll ich mein Kind auf LRS testen lassen?“: Warum die Sorge vor einem „Stempel“ oft unbegründet ist und was eine standardisierte Diagnose konkret bedeutet.
Quellen
- Galuschka, K., & Schulte-Körne, G. (2016). Diagnostik und Förderung von Kindern und Jugendlichen mit Lese- und/oder Rechtschreibstörung. Deutsches Ärzteblatt International, 113, 279–286. https://doi.org/10.3238/arztebl.2016.0279
- Lenhard, W. (2025). Legasthenie – Definition, Ursachen, Diagnostik und Förderung. In Böttcher, K. & Merkert, A. (Hrsg.), Neurodiversität und Legasthenie in Bildung und Beruf: Herausforderungen verstehen, Ressourcen nutzen, Potenziale entfalten (Managementkonzepte, Bd. 41), S. 71–81. Nomos, Baden-Baden. Open Access (CC BY 4.0). DOI: https://doi.org/10.5771/9783748963349
- Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF). S3-Leitlinie Diagnostik und Behandlung bei der Lese- und/oder Rechtschreibstörung, Registernummer 028-044, Langfassung, insb. Prämisse S. 5–6, Abschnitt 4.1.2–4.1.3 S. 29–33 (seit über 5 Jahren nicht aktualisiert, aktuell in Überarbeitung). https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/028-044

