Legasthenie / LRS: Ursachen, Diagnose und Behandlung

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Legasthenie / LRS begleitet nicht nur beim Lesen und Schreiben. Sie beeinflusst, wie ein Kind sich selbst sieht, in der Schule, in der Familie, im Alltag. Seit 14 Jahren begleite ich Kinder mit Lese-Rechtschreib-Schwäche in Deutsch und Englisch sowie Rechenschwäche, weil ich weiß, wie es sich anfühlt.

Die meisten Betroffenen bekommen nie eine klare Antwort darauf, warum ihnen etwas so schwerfällt, das für andere selbstverständlich wirkt. In diesem Artikel liest du, was Legasthenie / LRS wirklich verursacht, wie eine Diagnose abläuft und welche Unterstützung tatsächlich hilft.

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Ursachen von LRS

LRS ist keine Frage von Fleiß, Erziehung oder Intelligenz. Die Forschung zeigt eine starke genetische Komponente: Ist ein Elternteil betroffen, liegt das Wiederholungsrisiko beim Kind bei 40 bis 46 Prozent, unter Geschwistern bei 27 bis 45 Prozent (Grimm, 2025). Hinzu kommen neurobiologische Unterschiede in der Verarbeitung von Sprache.

Was diese neurobiologischen Unterschiede konkret bedeuten, zeigt sich vor allem in der phonologischen Informationsverarbeitung: der Fähigkeit, einzelne Laute in Wörtern zu unterscheiden, sich Laut-Buchstaben-Verbindungen zu merken und beim Lesen schnell auf bekannte Wörter zuzugreifen. Genau hier liegt bei LRS der Ansatzpunkt (Lenhard, 2025). Wichtig dabei: Eine genetische Veranlagung ist kein Schicksal, sondern ein Risikofaktor unter mehreren, den frühe Förderung gut ausgleichen kann.

Ungefähr 8 Prozent aller Kinder in Deutschland sind von einer kombinierten Lese-Rechtschreibstörung betroffen, weitere 6 bis 7 Prozent von einer isolierten Form, weltweit schwanken die Schätzungen laut Studienlage zwischen 3 und 11 Prozent (Galuschka & Schulte-Körne, 2016). Je nachdem, welche Kriterien eine Studie ansetzt, kommen internationale Untersuchungen sogar auf bis zu 17 Prozent (Wagner et al., 2020).

Genau darum geht es auch in meiner Podcast-Folge „Niemand trägt Schuld!“: warum weder Erziehung noch Faulheit die Ursache sind, und was das für den Umgang mit deinem Kind bedeutet.

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Häufig tritt LRS gemeinsam mit anderen Störungen auf, etwa Dyskalkulie, ADHS oder Angststörungen. Das eine verursacht nicht automatisch das andere, beides braucht aber eigene Aufmerksamkeit in der Diagnostik.

„LRS ist keine Frage von Fleiß oder Intelligenz. Es ist eine andere Art, wie das Gehirn Sprache verarbeitet, und genau deshalb braucht es eine andere Art von Unterstützung.“

— Mio Lindner

Was LRS von Dyskalkulie unterscheidet

LRS betrifft das Lesen und Schreiben. Dyskalkulie, die Rechenschwäche, betrifft mehr als nur das Rechnen an sich: Sie zeigt sich schon im grundlegenden Verständnis von Zahlen, Mengen und ihren Beziehungen zueinander, dem sogenannten Zahlensinn, und wirkt sich von dort auf alle weiteren mathematischen Fertigkeiten aus (Landerl & Fussenegger, 2007). LRS und Dyskalkulie sind eigenständige Diagnosen mit eigenen Diagnosekriterien, auch wenn sie oft gemeinsam auftreten.

Mehr zu Ursachen, Diagnose und Behandlung von Dyskalkulie: Dyskalkulie / Rechenschwäche: Ursachen, Diagnose und Behandlung.

Wie häufig beide Störungen gemeinsam auftreten, ist in der Forschung allerdings umstritten: Je nach Studie liegt die Rate zwischen 17 und 64 Prozent, die einzige deutschsprachige Untersuchung fand eine kombinierte Störung bei 4,2 Prozent der Kinder (Landerl & Fussenegger, 2007).

Zwischen „Legasthenie“ und „LRS“ gibt es dagegen keine einheitliche fachliche Trennung (AWMF-S3-Leitlinie, Registernummer 028-044). Deshalb schreibe ich bewusst „Legasthenie / LRS“, nicht weil es zwei verschiedene Dinge wären, sondern weil es keine sauber trennscharfe Definition gibt.

Kann Mehrsprachigkeit wie eine Legasthenie / LRS aussehen?

Auch diese Frage taucht immer wieder auf, besonders bei Kindern, die mehrsprachig aufwachsen oder ins Ausland ziehen und dort in einer neuen Sprache unterrichtet werden: Liegt es an der neuen Unterrichtssprache, oder ist es wirklich Legasthenie / LRS? Nach aktuellem Forschungsstand ist die Antwort ziemlich eindeutig: Mehrsprachigkeit selbst verursacht keine Legasthenie / LRS und verschlimmert sie auch nicht, das zeigen mehrere unabhängige Studien übereinstimmend (Taha et al., 2022; Zhang, Li & Li, 2025).

Mehrsprachige Kinder lesen in einer neuen Sprache anfangs oft schwächer als einsprachige Kinder, einfach weil ihnen die Erfahrung mit genau dieser Sprache fehlt, nicht weil ihre Sprachverarbeitung gestört wäre. Der Unterschied zu einer echten Legasthenie / LRS lässt sich trotzdem zuverlässig feststellen: Aufgaben wie das Nachsprechen erfundener Kunstwörter oder das Erkennen einzelner Laute in Wörtern zeigen bei einer echten LRS Schwächen, unabhängig davon, ob ein Kind ein- oder mehrsprachig aufwächst. Liegt es dagegen nur an der neuen Unterrichtssprache, fallen genau diese Aufgaben meist unauffällig aus (Taha et al., 2022).

Für die Testung selbst empfiehlt die Forschung, wenn möglich alle Sprachen des Kindes einzubeziehen, nicht nur die neue Unterrichtssprache (Zhang, Li & Li, 2025): Treten Schwierigkeiten nur in der neuen Sprache auf, spricht das für einen ganz normalen Zweitspracherwerb. Zeigen sie sich dagegen in allen Sprachen des Kindes, ist das ein deutlich stärkerer Hinweis auf eine tatsächliche Legasthenie / LRS. Für Familien im Ausland oder mit mehreren Familiensprachen heißt das: Leseschwierigkeiten nach einem Sprachwechsel sind nicht automatisch LRS. Bevor eine Diagnose im Raum steht, lohnt sich deshalb eine Förderdiagnostik, die genau das unterscheiden kann, am besten mit Blick auf alle Sprachen des Kindes.

Wie die Diagnose abläuft

Eine frühzeitige Diagnose verhindert, dass sich Vermeidungsverhalten und Selbstzweifel erst festsetzen, das zeigt auch eine bekannte deutsche Längsschnittstudie zu unbehandelten Verläufen (Esser et al., 2002).

Die offizielle Diagnose nach ICD stellt ausschließlich ein Facharzt oder eine Fachärztin, das regelt die S3-Leitlinie. Niemand sonst darf das.

Für den Start einer Lerntherapie brauchst du diese ICD-Diagnose allerdings nicht: Lerntherapeutinnen arbeiten mit einer eigenen Förderdiagnostik. Für Schule, Ausbildung oder einen Nachteilsausgleich (NTA) wird die ärztliche Diagnose dagegen meist vorausgesetzt. Wichtig in jedem Fall: Schlechte Noten allein sind keine Diagnose, das zeigt erst eine strukturierte Testung.

Ausführlich, inklusive der Frage, ab welcher Klassenstufe eine Diagnose sinnvoll ist und welche Testverfahren dabei zum Einsatz kommen: Diagnose Legasthenie: Wie kann der LRS-Diagnostik-Test helfen?

Behandlungsmöglichkeiten

Nachhilfe und Lerntherapie lösen unterschiedliche Probleme. Nachhilfe setzt am aktuellen Schulstoff an und hilft, wenn die Grundlagen eigentlich stimmen und nur vorübergehend der Anschluss fehlt.

Bei langanhaltenden Schwierigkeiten im Lesen, Schreiben und Rechnen reicht Nachhilfe nicht aus. Integrative Lerntherapie setzt woanders an: Zuerst zeigt eine Förderdiagnostik, wo im Lernprozess die eigentlichen Lücken liegen, oft schon in den Grundlagen von Schriftsprache oder Mathematik. Genau dort setzt die Förderung an, nicht am aktuellen Unterrichtsstoff. Gleichzeitig wird das Selbstbewusstsein gestärkt, denn nur wer Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten hat, kann wirklich lernen.

Eine Untersuchung der Duden Institute für Lerntherapie zu psychosozialen Belastungen zeigt, warum das wichtig ist: Kinder mit LRS tragen oft eine Last, die weit über schlechte Noten hinausgeht (Huck & Schröder, 2015). Wer nur den Notendurchschnitt behandelt, übersieht die Hälfte des Problems.

Genauso wichtig: familiäre Unterstützung und die Zusammenarbeit mit der Schule. Ein Umfeld, in dem Schwierigkeiten nicht als persönliches Versagen gelten, sondern als das, was sie sind, eine behandelbare Störung. Mehr zu diesem Weg findest du auch in meinem Buch „Umty“.

Häufig gestellte Fragen zu Legasthenie / LRS

Ist Legasthenie / LRS eine Krankheit?
Nein, jedenfalls nicht im klassischen Sinn. LRS ist eine anerkannte Störung, sie lässt sich nicht heilen, aber gut behandeln.

Ist LRS heilbar?
Nein. Ohne Förderung bleibt LRS bestehen, mit der richtigen Unterstützung lernen Kinder aber, ihre Schwierigkeiten wirksam auszugleichen, je früher, desto besser (Esser et al., 2002).

Hat LRS etwas mit Intelligenz zu tun?
Nein. LRS betrifft, wie das Gehirn Sprache verarbeitet, nicht, wie klug jemand ist. Viele Betroffene sind überdurchschnittlich leistungsfähig, gerade weil sie ständig kompensieren.

Sind Legasthenie und LRS dasselbe?
Fachlich gibt es keine einheitliche Trennung (AWMF-S3-Leitlinie 028-044), deshalb die kombinierte Schreibweise in diesem Artikel.

Was ist der Unterschied zu Dyskalkulie?
LRS betrifft Lesen und Schreiben, Dyskalkulie den Zahlensinn und das Rechnen. Beide sind eigenständige Störungen, die häufig gemeinsam auftreten.

Wenn du den Verdacht hast, dass dein Kind, oder du selbst, von LRS betroffen ist: Ein Erstgespräch zeigt, wie es weitergehen kann. Und wenn du tiefer einsteigen willst: Mein Buch „Umty“ begleitet Familien durch genau diesen Weg.

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(Die Buchung läuft über das Duden Institut International-Online, das ich selbst gegründet habe, kein anderer Anbieter.)

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Quellen

  • Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF). S3-Leitlinie Diagnostik und Behandlung bei der Lese- und/oder Rechtschreibstörung, Registernummer 028-044. register.awmf.org/de/leitlinien/detail/028-044
  • Galuschka, K., & Schulte-Körne, G. (2016). Diagnostik und Förderung von Kindern und Jugendlichen mit Lese- und/oder Rechtschreibstörung. Deutsches Ärzteblatt International, 113, 279–286. doi.org/10.3238/arztebl.2016.0279
  • Grimm, T. (2025). Genetik der Legasthenie. In Böttcher, K. & Merkert, A. (Hrsg.), Neurodiversität und Legasthenie in Bildung und Beruf. Nomos, Baden-Baden. Open Access. doi.org/10.5771/9783748963349
  • Esser, G., Wyschkon, A., & Schmidt, M. H. (2002). Was wird aus Achtjährigen mit einer Lese- und Rechtschreibstörung? Ergebnisse im Alter von 25 Jahren. Zeitschrift für Klinische Psychologie und Psychotherapie, 31, 235–242. doi.org/10.1026/0084-5345.31.4.235
  • Huck, L., & Schröder, A. (2015). PuLs-Studie: Psychosoziale Belastungen bei Lernschwierigkeiten. Duden Institute für Lerntherapie, Berlin. duden-institute.de/ueber-uns/publikationen/puls-studie
  • Landerl, K., & Fussenegger, B. (2007). Dyskalkulie und Legasthenie: Same or different? LeDy – Mitgliederzeitschrift des BVL, 4/2007, 5–12. PDF
  • Lenhard, W. (2025). Legasthenie – Definition, Ursachen, Diagnostik und Förderung. In Böttcher, K. & Merkert, A. (Hrsg.), Neurodiversität und Legasthenie in Bildung und Beruf, S. 71–81. Nomos, Baden-Baden. Open Access. doi.org/10.5771/9783748963349
  • Taha, J., Carioti, D., Stucchi, N., Chailleux, M., Granocchio, E., Sarti, D., De Salvatore, M., & Guasti, M. T. (2022). Identifying the risk of dyslexia in bilingual children: The potential of language-dependent and language-independent tasks. Frontiers in Psychology, 13, 935935. doi.org/10.3389/fpsyg.2022.935935
  • Zhang, J., Li, B., & Li, H. (2025). Neural Mechanisms Underlying Reading Impairment in Children Learning a Second Language: A Review. Behavioral Sciences, 15(10), 1382. doi.org/10.3390/bs15101382
  • Wagner, R. K., et al. (2020). The Prevalence of Dyslexia: A New Approach to its Estimation. Journal of Learning Disabilities, 53(5), 354–365. doi.org/10.1177/0022219420920377
  • Lindner, M. (2026). UMTY: Leben mit Legasthenie und Dyskalkulie. YessYess Verlag.