Legasthenie / LRS: Nur Rechtschreibschwäche, nur Leseschwäche oder beides? Die drei Formen erklärt

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Dein Kind hat massive Probleme beim Schreiben, liest aber eigentlich ganz passabel? Oder ist es genau umgekehrt? Dann fragst du dich vielleicht, ob das überhaupt Legasthenie / LRS sein kann. Die kurze Antwort: ja. Hier erkläre ich, was Legasthenie / LRS wirklich ist, welche drei Formen es gibt, und was sie nicht ist.

Was ist Legasthenie / LRS?

Legasthenie / LRS ist eine umschriebene, langanhaltende Schwierigkeit beim Lesen und/oder Schreiben. Umschrieben bedeutet: Sie betrifft gezielt diesen einen Bereich, nicht die allgemeine Intelligenz. Fachlich wird das über eine Diskrepanz festgestellt: Die Lese- oder Rechtschreibleistung liegt deutlich, mindestens anderthalb Standardabweichungen, unter dem, was Alter, Klassenstufe oder Intelligenz erwarten lassen, und die Alltagsbewältigung ist dadurch beeinträchtigt (AWMF-S3-Leitlinie 028-044).

Wichtig zu wissen: Legasthenie und LRS sind dabei keine zwei unterschiedlichen, wissenschaftlich sauber getrennten Störungen. Selbst die S3-Leitlinie trennt die Begriffe nicht trennscharf. Manche Fachstellen unterscheiden zwar: Legasthenie für eine genetisch bedingte, LRS für eine vorübergehende Schwäche. Nach Einschätzung vieler Wissenschaftler ist diese Trennung aber weder sinnvoll noch wissenschaftlich haltbar, und auch die S3-Leitlinie selbst macht sie nicht. Deshalb schreibe ich hier bewusst „Legasthenie / LRS“, nicht das eine oder das andere.

Die drei Formen: isolierte Rechtschreibstörung, isolierte Lesestörung, kombinierte Störung

Was viele nicht wissen: Legasthenie / LRS bedeutet nicht automatisch, dass sowohl Lesen als auch Schreiben betroffen sind. Die S3-Leitlinie unterscheidet drei Formen.

Isolierte Rechtschreibstörung: Nur das Schreiben ist betroffen, das Lesen nicht oder kaum. Sie zeigt sich durch Schwierigkeiten, Phonem-Graphem-Beziehungen zu erlernen und einzuprägen. Typische Fehler: falsche Groß- und Kleinschreibung, Fehler bei Konsonantenclustern, weggelassene oder falsch hinzugefügte Buchstaben, Fehler bei Vokallängen.

Isolierte Lesestörung: Nur das Lesen ist betroffen. Sie zeigt sich durch viele Fehler beim Wortlesen und eine deutlich herabgesetzte Lesegeschwindigkeit, oft verbunden mit Schwierigkeiten, Laute zu unterscheiden oder Wörter schnell wiederzuerkennen. Diese Form bekommt im neuen ICD-11 erstmals einen eigenen diagnostischen Code, bisher lief sie etwas im Schatten der anderen beiden Formen. Auch die deutsche S3-Leitlinie wird gerade überarbeitet und dürfte diese Änderung übernehmen.

Kombinierte Lese-Rechtschreibstörung: Die Symptome beider Formen treten gemeinsam auf.

Nur Rechtschreibschwäche ohne Leseschwäche, oder umgekehrt, ist also keine Seltenheit, sondern eine von drei anerkannten Formen.

Welche der drei Formen genau vorliegt, klärt eine Diagnose. Was die Ursachen sind und welche Behandlungsmöglichkeiten es gibt, erkläre ich hier: Legasthenie / LRS: Ursachen, Diagnose und Behandlung.

Was Legasthenie / LRS nicht ist

Nicht ein Mangel an Intelligenz. Menschen mit Legasthenie / LRS sind nicht weniger klug, ihr Gehirn verarbeitet Schriftsprache nur anders.

Nicht zwangsläufig beides. Wie oben gezeigt: Nur eine Rechtschreibschwäche oder nur eine Leseschwäche reicht für die Diagnose völlig aus.

Nicht nur eine „Kinderkrankheit“, die sich auswächst. Eine Langzeitstudie, die Achtjährige mit LRS bis zum Alter von 25 begleitet hat (Esser, Wyschkon & Schmidt, 2002), zeigt: Die Schwierigkeiten bleiben in den allermeisten Fällen bestehen, auch weit ins Erwachsenenalter hinein. Und auch keine Krankheit, die geheilt werden muss: Ist Legasthenie / LRS heilbar? Was die Gehirnforschung zeigt.

Häufige Fragen

Ist Legasthenie dasselbe wie LRS?
Im Kern ja. Die S3-Leitlinie selbst trennt beide Begriffe nicht scharf, deshalb verwende ich sie hier synonym.

Kann man nur eine Rechtschreibschwäche haben, ganz ohne Leseschwäche?
Ja, das ist die isolierte Rechtschreibstörung, eine von drei offiziell anerkannten Formen, keine Ausnahme.

Reicht eine isolierte Rechtschreibstörung für einen Nachteilsausgleich?
Grundsätzlich ja, die S3-Leitlinie behandelt sie gleichrangig zu den anderen Formen. Die genaue Umsetzung ist aber Ländersache, jedes Bundesland regelt das unterschiedlich. Der Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie (BVL) bietet dazu Beratung für dein konkretes Bundesland an.

Quellen

  • Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF). S3-Leitlinie Diagnostik und Behandlung bei der Lese- und/oder Rechtschreibstörung, Registernummer 028-044. register.awmf.org/de/leitlinien/detail/028-044
  • Schulte-Körne, G. (2021). Verpasste Chancen: Die neuen diagnostischen Leitlinien zur Lese-, Rechtschreib- und Rechenstörung der ICD-11. Kinder-Jugendpsychiat Psychother, 49(6), 463–467. doi.org/10.1024/1422-4917/a000791
  • Engelmann, R., & Plaum, E. (2008). Sind bei Lese- und Rechtschreibschwierigkeiten »Störung« und »Schwäche« als sinnvolle Untergruppen definierbar? Report Psychologie, 33(1). Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt. PDF (mit Genehmigung der Autor:innen über LegaKids.net)
  • Esser, G., Wyschkon, A., & Schmidt, M. H. (2002). Was wird aus Achtjährigen mit einer Lese- und Rechtschreibstörung? Zeitschrift für Klinische Psychologie und Psychotherapie, 31, 235–242. doi.org/10.1026/0084-5345.31.4.235