Inhaltsverzeichnis
- Kann man eine Legasthenie / LRS überhaupt verbessern?
- Was laut Forschung wirklich hilft
- Was NICHT hilft, auch wenn es vielversprechend klingt
- Warum sich trotz täglichem Üben oft nichts bewegt
- Wie sieht das konkret aus, wenn ihr jetzt startet?
- Wenn du noch tiefer einsteigen willst
- Häufige Fragen
- Quellen
Du hast diesen Satz wahrscheinlich schon öfter gehört, als dir lieb ist: „Einfach mehr üben, dann wird das schon besser.“ Aber dein Kind übt längst. Jeden Abend, oft unter Tränen, und die Rechtschreibung wird trotzdem nicht besser. Irgendwann stellt sich die Frage dahinter: Lässt sich eine Legasthenie / LRS überhaupt wirklich verbessern, oder müsst ihr euch damit abfinden?
Die kurze Antwort: Ja, eine Legasthenie / LRS lässt sich deutlich verbessern. Aber nicht mit Zufallsmaßnahmen und nicht allein mit Fleiß. Was tatsächlich wirkt, ist inzwischen gut erforscht, und was nicht wirkt, leider auch. In diesem Artikel bekommst du beides: die Methoden, die laut Forschung wirklich helfen, und die, die vielversprechend klingen, aber in Studien nicht halten, was sie versprechen.
Kann man eine Legasthenie / LRS überhaupt verbessern?
Ja, deutlich. Aber „verbessern“ ist dabei das richtige Wort, nicht „heilen“ oder „weg trainieren“. Eine Legasthenie / LRS hat neurobiologische Wurzeln, die bleiben bestehen. Was sich verändert, ist, wie gut dein Kind mit dieser Grundlage lesen und schreiben lernt, und wie viel Frust und Vermeidung auf dem Weg dorthin entstehen. Genau darum geht es in diesem Artikel: um die Stellschrauben, an denen sich in der Praxis wirklich etwas bewegen lässt. Wenn dich die Frage „Ist Legasthenie heilbar?“ im Detail interessiert, findest du eine ausführliche Einordnung in meinem Artikel zu Ursachen, Diagnose und Behandlung von Legasthenie / LRS.
Was laut Forschung wirklich hilft
Eine der umfassendsten Untersuchungen dazu stammt von Kristina Galuschka und ihrem Team an der LMU München: eine Meta-Analyse über 22 randomisiert-kontrollierte Studien mit insgesamt 1.902 Kindern und Jugendlichen. Drei Dinge daraus lassen sich direkt in den Alltag übersetzen.
Systematisches Laut-Buchstaben-Training. Die Methode mit dem mit Abstand stärksten und statistisch gesicherten Effekt war ein systematisches Training der Laut-Buchstaben-Beziehungen: Laute erkennen, sie einzelnen Buchstaben zuordnen und zu Wörtern zusammenziehen, immer wieder, strukturiert und wiederholt. Das ist aber nur der Anfang, nicht das Ziel. Darauf baut eine gute Förderung strukturiert weiter auf: von den einzelnen Lauten und Buchstaben hin zu Morphemen, also den kleinsten bedeutungstragenden Wortbausteinen wie Vorsilben, Nachsilben und Wortstämmen, und von dort weiter zu immer komplexeren sprachlichen Strukturen. Jede Stufe setzt auf der vorherigen auf, keine wird übersprungen. Das klingt unspektakulär, ist aber genau die Methode, die in der Studie signifikant wirkte, während andere Ansätze das nicht taten. Sie ist deshalb ein zentraler Baustein in jeder guten Lerntherapie.
Früh anfangen. Eine bekannte deutsche Längsschnittstudie von Günter Esser und Kollegen, die Kinder mit Lese-Rechtschreibstörung bis ins Alter von 25 Jahren begleitet hat, bestätigt: Früh erkennen und früh fördern lohnt sich. Je länger eine Legasthenie / LRS unentdeckt oder unbehandelt bleibt, desto mehr verfestigen sich sowohl die fachlichen Lücken als auch die Vermeidungsstrategien, die Kinder entwickeln, um dem täglichen Misserfolg auszuweichen.
Professionelle, individuelle Begleitung statt Alleine-Kämpfen. Ich sehe in meiner eigenen Arbeit als Lerntherapeut immer wieder, dass Eltern jahrelang selbst mit ihrem Kind üben, mit den besten Absichten, aber ohne diagnostisches Fundament darunter. Eine gute Förderdiagnostik zeigt zuerst genau, wo die Schwierigkeiten liegen, und die anschließende Lerntherapie setzt gezielt dort an, statt allgemein „mehr zu üben“. Wie das konkret abläuft, beschreibe ich in meinem Artikel zur Online-Lerntherapie bei LRS und Rechenschwäche.
Was NICHT hilft, auch wenn es vielversprechend klingt
Genau dieselbe Meta-Analyse hat auch untersucht, was in Studien nicht überzeugt hat, obwohl es oft beworben wird.
Farbige Folien und Lesebrillen (Irlen-Methode). Die gemessenen Effekte ließen sich überwiegend auf einen Placebo-Effekt zurückführen, nicht auf eine echte Verbesserung der Lese- oder Rechtschreibleistung.
Medikamente. Auch medikamentöse Ansätze wie Piracetam zeigten in den ausgewerteten Studien allenfalls minimale Effekte, kein verlässlicher Weg zu besseren Lese-Rechtschreibleistungen.
Reines Ganzwort- oder Wortbild-Training. Auch die deutsche AWMF-S3-Leitlinie zur Lese- und Rechtschreibstörung rät ausdrücklich von einem Training ab, das Kinder ganze Wortbilder auswendig lernen lässt, statt sie die Laut-Buchstaben-Beziehungen dahinter verstehen zu lassen.
„Einfach mehr üben“ als einzige Antwort. Reines Üben ohne System und ohne emotionale Entlastung kann sogar das Gegenteil bewirken: Es verstärkt den Frust, ohne die eigentliche Ursache zu adressieren. Was zu tun ist, wenn dein Kind durch genau diesen Kreislauf schon nicht mehr an sich glaubt, beschreibe ich ausführlich in Wenn dein Kind nicht mehr an sich glaubt.
Warum sich trotz täglichem Üben oft nichts bewegt
Ein Mechanismus, den ich in meiner Praxis immer wieder sehe, wurde schon 1982 von Dieter Betz und Helga Breuninger als „Teufelskreis Lernstörungen“ beschrieben, und er ist bis heute treffend: Misserfolg führt zu Angst und Vermeidung, Vermeidung führt zu noch weniger Übung an der eigentlichen Schwachstelle, und das wiederum führt zum nächsten Misserfolg. Wird an dieser Stelle einfach mit noch mehr desselben Übens angesetzt, verstärkt sich der Kreislauf oft nur.
Dazu kommt ein zweiter, unterschätzter Punkt: Viele Kinder mit Legasthenie / LRS entwickeln über die Zeit sehr geschickte Vermeidungs- und Kompensationsstrategien, kurze Sätze schreiben, um weniger Fehlerquellen zu haben, oder Bücher meiden, damit niemand merkt, wie langsam sie lesen. Diese Strategien schützen kurzfristig vor Beschämung, verhindern aber genau die Übung, die eigentlich nötig wäre. Wie du solche Muster bei deinem Kind erkennst und was stattdessen hilft, beschreibe ich ausführlich in Vermeidungs- und Kompensationsstrategien bei LRS.
Wie sieht das konkret aus, wenn ihr jetzt startet?
In meiner Arbeit läuft das in drei Schritten ab. Erst ein kostenloses Erstgespräch, in dem wir uns die aktuelle Situation deines Kindes anschauen. Dann, wenn sinnvoll, eine Förderdiagnostik, die genau zeigt, wo die Schwierigkeiten liegen. Und darauf aufbauend eine individuelle Lerntherapie, die an dieser Stelle ansetzt, statt allgemein Übungsblätter abzuarbeiten.
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(Die Buchung läuft über das Duden Institut International-Online, das ich selbst gegründet habe, kein anderer Anbieter.)
Wenn du noch tiefer einsteigen willst
- Wer darf die Diagnose stellen, und wie läuft sie ab?
- Legasthenie / LRS: Ursachen, Diagnose und Behandlung
- Wie du dein Kind zusätzlich zu Hause unterstützen kannst
Häufige Fragen
Wie lange dauert es, bis sich eine Legasthenie / LRS spürbar verbessert?
Das ist von Kind zu Kind unterschiedlich und hängt davon ab, wie ausgeprägt die Schwierigkeiten sind und wie früh die Förderung beginnt. Sichtbare Fortschritte brauchen in der Regel Monate kontinuierlicher, systematischer Arbeit, nicht Tage oder Wochen.
Kann sich eine Legasthenie / LRS von alleine verbessern, wenn mein Kind älter wird?
Nein. Längsschnittstudien zeigen, dass sich eine Legasthenie / LRS nicht einfach „auswächst“. Ohne gezielte Förderung bleiben die Schwierigkeiten meist bestehen, oft verbunden mit zunehmender Vermeidung.
Hilft eine bestimmte Lese-Methode besonders gut?
Ja: Systematisches Training der Laut-Buchstaben-Beziehungen ist die Methode mit dem in Studien am besten belegten Effekt, deutlich vor reinem Wortbild-Training oder unspezifischem Lesetraining.
Ist Nachhilfe dasselbe wie Lerntherapie?
Nein. Nachhilfe holt in der Regel aktuellen Schulstoff nach. Lerntherapie setzt tiefer an: Sie beginnt mit einer Diagnostik, die die eigentliche Ursache der Schwierigkeiten aufdeckt, und arbeitet gezielt genau dort.
Was kann ich als Elternteil zusätzlich zur Lerntherapie tun?
Einiges, ohne selbst zur Lerntherapeutin oder zum Lerntherapeuten zu werden. Konkrete Ansätze für den Alltag zu Hause findest du in meinem Artikel Lernförderung zu Hause bei LRS oder Rechenschwäche.
Quellen
- Galuschka, K., Ise, E., Krick, K., & Schulte-Körne, G. (2014). Effectiveness of Treatment Approaches for Children and Adolescents with Reading Disabilities: A Meta-Analysis of Randomized Controlled Trials. PLoS ONE, 9(2), e89900. doi.org/10.1371/journal.pone.0089900
- Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF). S3-Leitlinie Diagnostik und Behandlung bei der Lese- und/oder Rechtschreibstörung, Registernummer 028-044. register.awmf.org/de/leitlinien/detail/028-044
- Esser, G., Wyschkon, A., & Schmidt, M. H. (2002). Was wird aus Achtjährigen mit einer Lese- und Rechtschreibstörung? Ergebnisse im Alter von 25 Jahren. Zeitschrift für Klinische Psychologie und Psychotherapie, 31, 235–242. doi.org/10.1026/0084-5345.31.4.235
- Betz, D., & Breuninger, H. (1982). Teufelskreis Lernstörungen: Analyse und Therapie einer schulischen Störung. München/Wien/Baltimore: Urban & Schwarzenberg. d-nb.info/820394742
