Inhaltsverzeichnis
- Was sind Vermeidungsstrategien?
- Was bei beiden vorkommt
- Speziell beim Lesen und Schreiben
- Speziell beim Rechnen
- Was sind Kompensationsstrategien?
- Was bei beiden vorkommt
- Speziell beim Lesen und Schreiben
- Speziell beim Rechnen
- Was die Forschung zeigt
- Vermeidung ist eine Stufe, kein Dauerzustand
- Warum das wichtig ist
- Häufige Fragen
- Quellen
Provokation. Winzige Handschrift. Finger, die auch mit zwölf noch beim Rechnen mitzählen. Was wie Trotz oder fehlendes Interesse aussieht, ist bei Legasthenie / LRS und bei Dyskalkulie / Rechenschwäche oft etwas anderes: eine Strategie, um Überforderung und Scham zu vermeiden. Ich kenne das aus eigener Erfahrung und aus meiner Arbeit als Lerntherapeut. Hier erkläre ich, welche Vermeidungs- und Kompensationsstrategien es gibt, sowohl beim Lesen und Schreiben als auch beim Rechnen, woran du sie erkennst, und warum sie kein Charakterfehler sind.
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Was sind Vermeidungsstrategien?
Provokation war meine eigene Strategie, durch die schwierigsten zwei Jahre meiner Schulzeit bis zum Abitur zu kommen. Ich eckte an, immer wieder, und bemerkte dabei kaum noch, wie leicht mir andere Dinge eigentlich fielen. Erst im Rückblick wurde mir klar: Provokation hat mich vor etwas geschützt, vor dem Gefühl, zu versagen, vor aller Augen.
Was bei beiden vorkommt
Manche Anzeichen sind bei LRS und Rechenschwäche praktisch identisch, weil derselbe psychologische Mechanismus dahintersteckt:
- Aufgaben werden auffällig oft vergessen oder aufgeschoben, unabhängig vom Fach
- Krankmelden oder Ablenkung genau an Tagen mit Klassenarbeiten
- Aussagen wie „Ich habe kein Interesse“ oder „Das Thema langweilt mich“: Das ist selten echtes Desinteresse, sondern meistens der Versuch, sich vor dem Eindruck zu schützen, nicht zu können. Wer sich anstrengt und trotzdem scheitert, riskiert, als „dumm“ zu gelten. Wer sich gar nicht erst anstrengt, kann das Scheitern auf fehlendes Interesse schieben, nicht auf fehlendes Können (Covington, 1984)
Speziell beim Lesen und Schreiben
Paulchen zum Beispiel hatte beim Vorlesen regelmäßig Ausraster. Erst durch Ermutigung und Lerntherapie zeigte sich: Dahinter steckte nicht Trotz, sondern die Angst vorm Vorlesen selbst.
- Hörbücher statt Bücher, um das Lesen zu umgehen
- Schreiben delegieren, andere um Vorlesen bitten
- Mündliche Kommunikation bevorzugen, schriftliche Nachrichten vermeiden
Speziell beim Rechnen
- Kopfrechnen unter Zeitdruck wird aktiv gemieden
- Der früh verinnerlichte Glaubenssatz „Ich bin einfach schlecht in Mathe“: dieselbe Schutzfunktion wie oben beschrieben, nur mathe-spezifisch formuliert. Wer von vornherein „einfach schlecht“ ist, muss sein Können nicht mehr beweisen und riskiert daher auch kein sichtbares Scheitern
Was sind Kompensationsstrategien?
Kompensationsstrategien sind schwerer zu erkennen als Vermeidung, weil sie oft wie Kompetenz aussehen.
Was bei beiden vorkommt
- Muster oder Wege auswendig lernen, ohne das dahinterliegende Konzept wirklich zu verstehen, egal ob Wortbild oder Rechenweg
- Digitale Hilfsmittel nutzen: unterschiedliche Werkzeuge (Diktierfunktion hier, Taschenrechner dort), aber dasselbe Prinzip
Speziell beim Lesen und Schreiben
Emilia zum Beispiel vermied das Schreiben komplett, nachdem ihre liebevoll gestalteten Karten zu Übungsmaterial und Kritikanlass wurden. Durch gezielte Lerntherapie fand sie ihre Freude am Schreiben zurück.
- Wortbilder statt Buchstaben: sich Wörter bildhaft einprägen, statt sie zu erlesen
- Diktierfunktionen, Vorlesesoftware
Speziell beim Rechnen
- Multiplikationsaufgaben in Additionen zerlegen, statt Einmaleins-Fakten automatisiert abzurufen
- Fingerzählen weit über das übliche Alter hinaus: eine der am besten belegten Kompensationsstrategien bei Dyskalkulie, Betroffene verlassen sich deutlich stärker auf diese „unreife“ Zählstrategie als Gleichaltrige (Butterworth & Laurillard, 2010)
- Taschenrechner oder Apps, auch für einfache Aufgaben
Wichtig für beide Bereiche: Digitale Hilfsmittel und clevere Umwege unterstützen, ersetzen aber nicht die grundlegenden Fertigkeiten. Kompensation trägt nur so lange, wie Situationen vorhersehbar bleiben, sobald ein neuer Text, eine ungewohnte Aufgabe oder eine unbekannte Rechenart auftaucht, wird es schwierig.
Was die Forschung zeigt
Für Legasthenie / LRS hat eine finnische Langzeitstudie (Syal et al., 2019) Vermeidungsverhalten von der 2. Klasse bis zum Alter von 20 Jahren verfolgt: Kinder mit Legasthenie zeigten in der 2. Klasse deutlich mehr Vermeidungsverhalten als Gleichaltrige ohne. Dieser Unterschied ließ sich in späteren Selbstauskünften nicht mehr eindeutig nachweisen, Vermeidungsverhalten reagiert also stark auf Umfeld und Unterstützung, es ist kein festes Merkmal. Ein aktueller Überblick über 30 Studien (Mori et al., 2025) bestätigt: Herausforderungen im Schulalltag bei Legasthenie sind vielfältig und wirken sich auf die schulische und emotionale Entwicklung aus.
Für Rechenschwäche / Dyskalkulie zeigt sich ein direkt belegter Teufelskreis: Niedrige mathematische Fähigkeiten führen zu Rechenangst, und Rechenangst verschlechtert die Leistung weiter (Rubinsten & Tannock, 2010). Vermeidung ist hier also nicht nur Symptom, sondern verstärkt sich selbst. Und wie oben schon erwähnt: Fingerzählen als Kompensationsstrategie ist bei Dyskalkulie wissenschaftlich gut dokumentiert (Butterworth & Laurillard, 2010).
Vermeidung ist eine Stufe, kein Dauerzustand
Eine israelische Längsschnittstudie über drei Jahre (Givon & Court, 2010) hat 20 Schüler:innen mit Lernschwierigkeiten begleitet, unabhängig davon, ob LRS, Rechenschwäche oder eine andere Lernschwierigkeit vorlag. Ergebnis: Der Umgang damit verläuft typischerweise in vier Stufen, in fester Reihenfolge.
- Vermeidung: die erste Reaktion, das Problem wird umgangen oder verdrängt
- Rebellion: Widerstand, oft gegen Schule, Lehrkräfte oder Regeln
- Versöhnung: die Schwierigkeit wird als Teil von sich selbst akzeptiert
- Entschlossenheit: aktive, selbstbestimmte Bewältigung
Wichtig dabei: Diese Reihenfolge ist keine Abfolge von Charakterfehlern, sondern ein Entwicklungsprozess. Mit der richtigen Unterstützung ist Vermeidung ein Anfang, kein Endpunkt.
Warum das wichtig ist
Wenn Vermeidung oder Kompensation, ob beim Lesen, Schreiben oder Rechnen, als Faulheit oder Desinteresse gedeutet werden, bleibt die eigentliche Ursache oft über Jahre unentdeckt. Genau hinzuschauen, offen zu kommunizieren und nachzufragen, was wirklich dahintersteckt, öffnet den Weg zu echter Unterstützung statt zu weiteren Konflikten. Was hilft, erkläre ich hier: Legasthenie / LRS: Ursachen, Diagnose und Behandlung und hier: Dyskalkulie / Rechenschwäche: Ursachen, Diagnose und Behandlung.
Häufige Fragen
Sind Vermeidungsstrategien ein Zeichen von Faulheit?
Nein, im Gegenteil: Sie kosten enorm viel Kraft und sind ein Schutzmechanismus, kein Charakterfehler, egal ob beim Lesen, Schreiben oder Rechnen.
Verschwinden diese Strategien von selbst?
Nicht automatisch. Mit gezielter Förderung wird die Strategie überflüssig, weil das zugrunde liegende Können wächst.
Wenn du unsicher bist, ob bei deinem Kind eine Vermeidungs- oder Kompensationsstrategie dahintersteckt: Lass uns das in einem kostenlosen, unverbindlichen Erstgespräch gemeinsam anschauen.
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Quellen
- Syal, S., et al. (2019). Task-avoidant behaviour and dyslexia: A follow-up from Grade 2 to age 20. Dyslexia, 25(4), 374–389. doi.org/10.1002/dys.1627
- Mori, J., et al. (2025). Challenging school-related situations faced by students with dyslexia: a scoping review. Annals of Dyslexia. doi.org/10.1007/s11881-025-00356-9
- Rubinsten, O., & Tannock, R. (2010). Mathematics anxiety in children with developmental dyscalculia. Behavioral and Brain Functions, 6, 46. doi.org/10.1186/1744-9081-6-46
- Butterworth, B., & Laurillard, D. (2010). Low numeracy and dyscalculia: identification and intervention. ZDM Mathematics Education, 42, 527–539. doi.org/10.1007/s11858-010-0267-4
- Covington, M. V. (1984). The self-worth theory of achievement motivation: Findings and implications. The Elementary School Journal, 85(1), 5–20.
- Givon, S., & Court, D. (2010). Coping strategies of high school students with learning disabilities: A longitudinal qualitative study and grounded theory. International Journal of Qualitative Studies in Education, 23(3), 283–303. doi.org/10.1080/09518390903352343
Mehr zum Thema in meiner Podcastfolge „Vermeidungs- und Kompensationsstrategien bei LRS / Legasthenie und RS“: wie ich selbst mit Provokation als Vermeidungsstrategie durch meine Schulzeit gekommen bin, und woran du diese Muster bei deinem Kind erkennst.

