Tipps für erwachsene Menschen mit Legasthenie im Job

LRS im Job: Nachteilsausgleich und Tipps für erwachsene Menschen mit Legasthenie

LRS im Job: Nachteilsausgleich und Tipps für erwachsene Menschen mit Legasthenie

Ausbildung, Studium, Beruf: Überall spielt Lesen und Schreiben eine Rolle. Für erwachsene Menschen mit Legasthenie oder LRS wird genau das zur täglichen Zusatzaufgabe. E-Mails, Protokolle, Berichte — was für andere nebenbei läuft, kostet hier mehr Zeit und mehr Kraft. Kein Einzelfall: Nach der S3-Leitlinie der Fachgesellschaften (AWMF, Registernummer 028-044) liegt die Prävalenz bei etwa 3 bis 8 Prozent — eine der häufigsten schulischen Entwicklungsstörungen überhaupt. Auf Deutschland hochgerechnet sind das nach Schätzung des Bundesverbands Legasthenie und Dyskalkulie 3,3 bis 9,9 Millionen Kinder und Erwachsene. Die gute Nachricht: Es gibt wirksame Unterstützung, die im Beruf zählt, nicht nur in der Schule. Ich zeige dir, welche das sind.

LRS im Job: Nachteilsausgleich und Tipps für erwachsene Menschen mit Legasthenie

Warum LRS im Erwachsenenleben eine eigene Herausforderung ist

Bei Kindern ist LRS oft schon Thema in der Schule. Im Erwachsenenleben ändert sich der Rahmen, nicht das Problem — der Mythos, LRS „wachse sich aus“, hält sich hartnäckig, stimmt aber nicht: Auch die AWMF-S3-Leitlinie bestätigt, dass sie ohne wirksame Förderung meist ein Leben lang bestehen bleibt. Bewerbungsschreiben, Protokolle, Anträge, Formulare, digitale Kommunikation — und ständig neue Apps und Technik, die es zu erobern gilt: Die Anforderungen an Lesen und Schreiben wachsen eher, sie schrumpfen nicht. Wer die eigene Legasthenie erst im Erwachsenenalter einordnet oder nie eine Diagnose bekommen hat, kämpft oft zusätzlich mit Scham und der Sorge, als weniger kompetent zu gelten. Beides ist unbegründet — Legasthenie sagt nichts über Intelligenz oder fachliche Fähigkeit aus.

Was der Nachteilsausgleich rechtlich bedeutet

Nachteilsausgleich ist kein Kulanzangebot, sondern seit dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom 22. November 2023 verfassungsrechtlich verankert — als Anspruch auf Chancengleichheit aus Art. 3 Abs. 3 Grundgesetz. Das und die folgenden Fälle dokumentiert der frei zugängliche Sammelband „Neurodiversität und Legasthenie in Bildung und Beruf“ (Katrin Böttcher & Alexandra Merkert, Hrsg., Nomos 2025, Open Access). Trotzdem ist die Praxis uneinheitlich, und genau das kostet Betroffene Ansprüche, die ihnen eigentlich zustehen:

  • In der Ausbildung gilt eine doppelte Zuständigkeit. Der Nachteilsausgleich für die Berufsschule richtet sich nach Landesschulrecht, die Klassenkonferenz entscheidet. Für die Gesellen- oder Abschlussprüfung gilt dagegen Bundesrecht (BBiG/HwO), zuständig ist die Handwerkskammer oder Innung. Beides beruht auf getrennten Rechtsgrundlagen — wer eine Wiederholungsprüfung ablegt, muss auch dafür erneut einen Antrag stellen.

  • Nicht zu wissen, dass ein Anspruch besteht, kann die Ausbildung kosten. Der Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie dokumentiert den Fall eines 20-Jährigen, der seine Ausbildung nach einer nicht bestandenen Zwischenprüfung abbrach — weil er nicht wusste, dass ihm dort ein Rechtsanspruch auf Nachteilsausgleich zustand.

  • Auch im Studium gibt es ein Musterurteil. Ein Medizinstudent beantragte beim Physikum eine Stunde Zeitverlängerung wegen seiner Legasthenie. Prüfungsamt und Verwaltungsgericht lehnten ab, erst das Oberverwaltungsgericht Schleswig gab ihm recht (Az. 3 M 41/02) — seither Präzedenzfall für viele Studierende mit Behinderung.

Die Praxiserfahrung zeigt: Nachteilsausgleich wird in Ausbildung und Studium meist unkomplizierter gewährt als in der Schule. Der Weg dahin bleibt trotzdem ein Antrag, kein Automatismus — deshalb lohnt sich frühzeitige Beratung mehr als das Abwarten, bis ein Problem schon entstanden ist.

Werkzeugkasten: Was im Berufsalltag wirklich hilft

Assistierende Technik hat sich in wenigen Jahren stark weiterentwickelt und ist oft bereits Teil der Software, die im Job ohnehin läuft:

  • Vorlesefunktion und Fehlererklärung statt reiner Korrektur — etwa der Immersive Reader, der in Edge, Word, Outlook, PowerPoint und OneNote integriert ist, sowie Rechtschreibprüfungen mit Vorleseoption bei Korrekturvorschlägen.

  • Diktier- und Sprache-zu-Text-Funktionen, um Schreibarbeit durch Sprechen zu ersetzen.

  • Anpassbare Textdarstellung — größere Schrift (12–14 Punkt), mehr Zeilen- und Buchstabenabstand, eine Schriftart nach eigener Vorliebe, Wortvorhersage und elektronische Wörterbuchfunktionen.

Daneben helfen einfache Alltagsstrategien, die kein Programm brauchen: Aufgaben in kleine Teilschritte zerlegen, eine feste Tagesstruktur mit klaren Zeitfenstern für E-Mails und Telefonate, ein vorbereiteter Gesprächsleitfaden für Anrufe — und die schlichte Bitte an Gesprächspartner, langsamer zu sprechen oder etwas zu wiederholen.

Wer in einem Ausbildungsbetrieb arbeitet, der Menschen mit anerkannter Behinderung ausbildet: Der Betrieb kann für die zusätzliche Unterstützung einen Ausbildungszuschuss nach § 73 SGB III beim Arbeitgeberservice der Agentur für Arbeit beantragen — ein konkreter finanzieller Anreiz, den man dem eigenen Betrieb aktiv nennen kann.

Der Ratgeber des Bundesverbands Legasthenie und Dyskalkulie für Erwachsene beschreibt die Möglichkeiten im Detail.

Offene Arbeitgeber sind dabei keine Ausnahme mehr: Der deutsche Finanzdienstleister paigo (heute Riverty Services) schaltete 2021 eine Stellenanzeige mit dem bewusst falsch geschriebenen Titel „Niemnd ist Perfkt“ für eine Position, die unabhängig von Lese-, Rechtschreib- oder Rechenschwäche gut ausführbar ist — und bekam daraufhin mehr Bewerbungen als sonst üblich.

Andere haben ihren Weg gefunden

Die größte Hürde ist oft nicht die Legasthenie selbst, sondern die Frage, ob man darüber spricht — das erzählen im Potenzialfrei!?-Podcast unter anderem Jannis Klapetz (Innovationsmanager), Gisela Lenz (Supervisorin) und Sebastian Hennings (Beamter im öffentlichen Dienst) — seine Geschichte hat er inzwischen auch als eigenes Kapitel im eingangs erwähnten Sammelband „Neurodiversität und Legasthenie in Bildung und Beruf“ veröffentlicht. Till Tinsahli erzählt, warum Schweigen im Job mehr kostet als Sprechen. Mehr Beispiele und alle Folgen: Potenzialfrei!? Podcast.

Anlaufstellen

  • Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie (BVL) — Ratgeber, Beratung, regionale Landesverbände.

  • Spezialisierte Lerntherapeutinnen und Lerntherapeuten — für Diagnostik und individuelle Strategien, auch im Erwachsenenalter.

  • Selbsthilfegruppen — Austausch mit anderen Betroffenen, oft der schnellste Weg zu praktischen Tipps aus erster Hand.

Du musst das nicht allein herausfinden

Nicht jede Maßnahme passt zu jeder Situation — und der genaue Weg zur passenden Unterstützung hängt von deinem Arbeitgeber oder deiner Ausbildungsstätte ab. Wenn du wissen willst, was in deinem Fall greift, lass uns in einem kostenlosen Erstgespräch draufschauen.

📅 Jetzt Termin buchen
Alle Links auf einen Blick

DIL International-Online Summit`23 Lernschwierigkeiten im mehrsprachigen Klassenzimmer

Häufige Fragen zu LRS im Job

Was ist ein Nachteilsausgleich bei LRS im Job?

Ein Nachteilsausgleich sind Anpassungen, die die Auswirkungen von LRS oder Legasthenie ausgleichen. Im Job z. B. mündliche statt schriftliche Abgaben, flexible Arbeitsregelungen oder technische Hilfsmittel. Die Anforderung bleibt gleich, nur der Weg dahin ändert sich.

Muss ich meinem Arbeitgeber von meiner Legasthenie erzählen?

Nein, eine Pflicht dazu gibt es nicht. Ohne offene Kommunikation bleiben viele Unterstützungsmaßnahmen aber unerreichbar, weil sie beantragt oder abgesprochen werden müssen.

Welche Hilfsmittel gibt es für Erwachsene mit LRS im Beruf?

Vorlesefunktionen, Rechtschreibprüfung mit Vorleseoption und Diktierfunktionen gehören zu den gängigsten, viele davon längst in Standardsoftware wie Microsoft Office eingebaut, nicht nur in teurer Speziallösung.

Wie bekomme ich einen Nachteilsausgleich als Erwachsener?

Der Weg unterscheidet sich je nach Situation: Ausbildung, Studium oder festes Arbeitsverhältnis laufen über unterschiedliche Stellen, mit unterschiedlichen Rechtsgrundlagen. Ein aktueller diagnostischer Nachweis ist in der Regel Voraussetzung.

Quellen

Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF). S3-Leitlinie Diagnostik und Behandlung bei der Lese- und/oder Rechtschreibstörung, Registernummer 028-044 (in Überarbeitung). register.awmf.org/de/leitlinien/detail/028-044
Böttcher, K. & Merkert, A. (Hrsg.) (2025). Neurodiversität und Legasthenie in Bildung und Beruf: Herausforderungen verstehen, Ressourcen nutzen, Potenziale entfalten. Nomos, Baden-Baden. Open Access. doi.org/10.5771/9783748963349
Maurer, M. (2025). Rechtliche Rahmenbedingungen im Umgang mit Legasthenie und anderen Teilleistungsstörungen. In Böttcher & Merkert (Hrsg.), a. a. O., S. 91–114.
Kirschbaum, A. & Hanke, S. (2025). Inklusive Ausbildung im Handwerk im Kontext von Legasthenie. In Böttcher & Merkert (Hrsg.), a. a. O., S. 355–374.
Höinghaus, A. (2025). Legasthenie: eine lebenslange Reise – ein Einblick vom Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie e. V. In Böttcher & Merkert (Hrsg.), a. a. O., S. 41–62.
Grimm, T. & Grimm, M. (2025). Erfolgreich mit Legasthenie – Eine familiäre Perspektive auf Legasthenie in der Schule und im Berufsleben. In Böttcher & Merkert (Hrsg.), a. a. O., S. 419–450.
Böttcher, K. & Venz, L. (2025). Legasthenie am Arbeitsplatz: Psychosoziale Herausforderungen und Wege zu mehr Inklusion. In Böttcher & Merkert (Hrsg.), a. a. O., S. 337–354.
Meyer zu Bexten, E. & Uelman, R. (2025). Digitale Inklusion: Barrierefreie IT und ihre Bedeutung für Menschen mit Legasthenie und Neurodiversität. In Böttcher & Merkert (Hrsg.), a. a. O., S. 133–162.
Lorenz, T. & Schneider, J. (2025). Legasthenie im Betrieb: Ein Praxisratgeber zur Integration in Unternehmen. In Böttcher & Merkert (Hrsg.), a. a. O., S. 317–336.
Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie (BVL). Ratgeber für erwachsene Menschen mit LRS und Legasthenie. bvl-legasthenie.de/images/static/pdfs/bvl/7_Ratgeber_Erwachsene_barrierefrei.pdf