LRS im Job ansprechen: Für viele ist das eine der schwersten Entscheidungen im Berufsleben. Till Tinsahli hat erlebt, was passiert, wenn man es nicht tut — und was sich verändert, wenn man es doch tut.
Till Tinsahli, auf dem Land in Baden-Württemberg mit Migrationshintergrund aufgewachsen, hat früh gelernt, was Arbeit bedeutet, erst als Zeitungsausträger, Postbote und Gärtner. Später folgte das Studium der Wirtschaftswissenschaften in Würzburg und der Master in Business Psychology in Lissabon.
Mit Legasthenie wurde er in der dritten Klasse diagnostiziert und hatte trotz einer sehr schönen Schulzeit viel damit zu kämpfen. Er wurde von Lehrkräften oft als faul und auch dumm abgetan. Im Studium waren es zum Teil seine Kommilitoninnen und Kommilitonen, die in Gruppenarbeiten keinerlei Verständnis für seine Situation hatten und ihn dort ebenfalls als faul abgestempelt haben.
Beruflich hat es ihn über Stationen bei Hays, Great Place to Work und CRIF schließlich in die Selbstständigkeit geführt.
Heute hilft er Organisationen dabei, ihre Kultur mit ehrlichen und anonymen Mitarbeiterbefragungen besser zu verstehen.
Mit LRS zum Master: über Offenheit und Resilienz
Diagnose, Förderung, und eine Lehrerin die hinschaut
Till wächst in einer Familie auf, die ihn trägt. Seine Mutter hatte selbst ähnliche Schwierigkeiten — ein Umstand, der kein Wort hatte, aber ein stilles Verständnis schuf. Als LRS in Klasse zwei oder drei auffällt, ist es eine Lehrerin, die es erkennt und benennt. Frühzeitige Diagnose, Förderung, ein Fundament.
Was klingt wie ein glatter Einstieg, ist in Wirklichkeit Glück — das Glück, von jemandem gesehen zu werden.
Gymnasium: Strategie statt System
Auf dem Gymnasium entwickelt Till das, was er bis heute nutzt: Er hört zu, anstatt mitzuschreiben. Nicht weil er faul ist, sondern weil er herausgefunden hat, dass er so besser lernt. Ein Mathe-Lehrer liest das als Desinteresse. Die Eskalation ist schmerzhaft: Kursabbruch, Eltern-Intervention, Tränen.
Und dann eine andere Lehrerin. Eine, die sich für ihn einsetzt. Das Ergebnis: Till darf offiziell nicht mitschreiben. Eine Unterschrift verändert seinen gesamten Schulalltag
Warum Till seine LRS heute immer proaktiv anspricht
Irgendwann in der Berufsausbildung passiert etwas, das Tills Berufsweg dauerhaft prägt. Sein Chef sieht einen falsch geschriebenen Firmennamen. Die Frage, die folgt, klingt wie ein Vorwurf. Till erklärt zum ersten Mal aktiv seine LRS. Sein Chef versteht.
Ab diesem Tag sagt Till es immer zuerst. Im Bewerbungsgespräch, am ersten Arbeitstag — klar, direkt, ohne Entschuldigung. Nicht als Schwäche. Als Information.
Till kann einen Namen dreimal lesen, ihn für richtig halten, und trotzdem falsch schreiben.
Das ist keine Nachlässigkeit. Das ist, wie Legasthenie erscheint und funktioniert.
Master auf Englisch trotz Lese-Rechtschreibschwäche
Nach dem Bachelor in Wirtschaftswissenschaften zieht Till nach Portugal. Master in Business Psychology, auf Englisch, in einer Fremdsprache, in einem fremden Land. LRS in Fremdsprachen ist eine der größten Herausforderungen für Betroffene. Trotzdem findet Till seinen Weg: durch mündliche Stärke, durch Werkzeuge wie DeepWrite, durch eine Haltung, die schon in der Grundschule begann.
„Irgendwann nimmt man es einfach als ganz normalen Teil der Persönlichkeit an.“
Tills Geschichte ist kein Ausnahmefall. Sie ist ein Beweis dafür, dass LRS / Legasthenie nicht bestimmt, wohin der Weg führt. Du kannst selbst bestimmen, wie du ihn gehen willst.
Zusammenfassung
Till hat seinen Master gemacht — mit LRS.
Nicht weil es einfach war. Sondern weil er gelernt hat, seinen eigenen Weg zu gehen: mit den richtigen Werkzeugen, mit Menschen, die hingeschaut haben, und mit einer Haltung, die LRS nicht als Hindernis behandelt, sondern als Teil seiner Persönlichkeit.
Seine Geschichte zeigt, was möglich ist, wenn Diagnose, Förderung und Umfeld zusammenpassen. Und sie erinnert daran, wie viel ein einziger Mensch verändern kann — eine Lehrerin, die es benennt. Ein Chef, der versteht. Eine Unterschrift, die den Schulalltag dreht.
LRS bestimmt nicht, wohin der Weg führt. Du bestimmst, wie du ihn gehst.
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