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„Ich kann das sowieso nicht, ich habe LRS.“ „Ich bin zu dumm für Mathe.“
Sätze, die wehtun. Und die in meiner Praxis leider viel zu oft fallen, von Kindern, die längst an sich selbst zweifeln. Diese Sätze sind kein Fakt. Sie sind Glaubenssätze, tief verankert, lähmend, selbstbegrenzend. Und gleichzeitig sind sie ein Schrei nach Entlastung. Nach Verstandenwerden. Nach einem anderen Blick auf sich selbst.
Lieber hören statt lesen? Weiter unten geht es zu meiner Podcastfolge zum Thema.
Woher der Satz „Ich kann das sowieso nicht“ kommt
Kinder kommen nicht mit diesem Satz auf die Welt. Sie lernen ihn, aus Erfahrungen. Typische Auslöser sind ständiges Scheitern beim Lesen, Schreiben oder Rechnen, Vergleiche mit Mitschülerinnen und Mitschülern, gut gemeinte, aber demotivierende Rückmeldungen wie „Du musst dich halt mehr anstrengen“, Mitleid statt Ermutigung und ausbleibende Erfolgserlebnisse trotz großer Mühe.
Ein zehnjähriger Junge mit LRS, den ich begleitete, sagte einmal: „Ich weiß gar nicht, warum ich überhaupt übe. Ich bin einfach zu dumm zum Schreiben.“ Er hatte eine ganze Sammlung solcher Sätze. Aber keiner davon war seiner. Sie waren gespiegelt, erlebt, übernommen.
Was diese Glaubenssätze mit dem Selbstbild machen
Glaubenssätze wie „Ich kann das nicht“ wirken wie unsichtbare Schranken. Sie blockieren Motivation, hemmen Lernfortschritte und führen zu einem Teufelskreis: Das Kind glaubt, es kann etwas nicht. Anstrengung wird vermieden. Misserfolge häufen sich. Das Selbstbild verschlechtert sich weiter. Und irgendwann entsteht ein Gefühl von: „Ich bin halt so. Ich bin das Problem.“
Das ist der entscheidende Unterschied: zwischen einer langanhaltenden Lernschwierigkeit und einem inneren Stopp liegt eine große Lücke, und genau die wollen wir schließen.
Warum Kinder echte Vorbilder brauchen, keine Stars
Was Kinder mit LRS oder Rechenschwäche brauchen, ist Identifikation. Nicht nur große Namen mit LRS, sondern Menschen aus ihrem Umfeld, die ähnliche Herausforderungen gemeistert haben: ehemalige Schülerinnen und Schüler, die erzählen, wie sie gelernt haben damit umzugehen. Gruppen von Gleichaltrigen mit LRS oder RS. Jugendliche, die sagen: „Ich hatte auch Schwierigkeiten, und hab trotzdem meinen Weg gefunden.“ Eltern, die ehrlich berichten: „Ich hab früher auch gedacht, ich kann das nie, aber heute schreibe ich trotzdem jeden Tag.“
In meiner Praxis zeige ich deshalb Briefe oder Texte von ehemaligen Lernenden mit LRS oder RS, die es geschafft haben. Und ich spreche in meinem Podcast immer wieder mit Menschen, die sich nicht haben stoppen lassen. Und dann sagen Kinder plötzlich: „Der ist ja wie ich.“ Genau das ist der Moment, in dem ein neuer Glaubenssatz wachsen kann. Welche gut gemeinten Reaktionen dabei oft genau das Gegenteil bewirken, findest du in „Diese 5 Fehler machen alles schlimmer bei LRS & Rechenschwäche“.
So kannst du als Elternteil gegensteuern
Wenn dein Kind sagt „Ich kann das nicht, ich hab LRS“ oder „Ich bin zu dumm für Mathe“, helfen drei Dinge:
- Empathie statt Beschwichtigung: Nicht „Ach komm, ist doch nicht so schlimm“, sondern „Ich höre, dass du das gerade glaubst, aber ich sehe auch, wie du kämpfst.“
- Positive Erfahrungen wiederholen: Erfolge wiederholen, Strategien loben statt Ergebnisse, Entwicklung zeigen statt Perfektion zu erwarten.
- Neue Glaubenssätze vorschlagen, nie aufdrängen: „Ich kann’s noch nicht, aber ich bin dran.“ „Ich hab’s früher nicht verstanden, aber heute verstehe ich mehr.“ „Ich lerne auf meine Weise, und das ist okay.“
Ich hatte einmal ein Mädchen, das am Ende jeder Stunde sagen sollte, was sie trotzdem geschafft hat. Am Anfang war sie still. Später sagte sie: „Ich hab nicht alles geschafft, aber ich habe es probiert.“ Ein Jahr später: „Ich lese jetzt gern laut, weil ich besser geworden bin.“
Gemeinsam neue Wirklichkeiten schaffen
Die Arbeit mit Glaubenssätzen ist keine Magie, aber sie ist entscheidend für langfristigen Erfolg. Deine Aufgabe als Elternteil, Lehrkraft oder Begleiter: an das Kind glauben, auch wenn es selbst gerade nicht kann. Wege zeigen, wo es keine zu geben scheint. Vorbilder in den Alltag holen, durch Geschichten, Besuche, Austausch. Und dem Satz „Ich kann das doch“ eine Bühne geben.
Glaubenssätze wie „Ich kann das sowieso nicht“ sind nicht das Ende der Geschichte. Sie sind der Anfang eines neuen Kapitels, wenn du beginnst, mit deinem Kind neue Erfahrungen, neue Sätze, eine neue Identität zu bauen. Konkrete Alltagstechniken, wie du deinem Kind ganz praktisch das Vertrauen zurückgibst, findest du in „Wenn dein Kind nicht mehr an sich glaubt“. Wenn dich die Glaubenssätze deines Kindes an deine eigene Schulzeit erinnern, lies auch „Warum deine eigene Schulzeit mitbestimmt, wie du heute auf die Fehler deines Kindes reagierst“. Und wenn daraus echte Schulangst geworden ist, findest du in „Schulangst bei LRS oder Rechenschwäche“ eine Eltern-Checkliste.
„Du musst nicht das ganze System verändern, aber du kannst die Welt eines Kindes neu schreiben.“
— Mio Lindner
Was die Forschung sagt
Dass Glaubenssätze über die eigene Fähigkeit messbar auf die Leistung wirken, zeigt die Mathematik-Forschung besonders deutlich. Siebtklässler, die glaubten, Intelligenz sei veränderbar statt fest vorgegeben, verbesserten sich über zwei Schuljahre kontinuierlich in Mathe, während gleich starke Mitschüler mit dem Glauben an eine feste Intelligenz auf der Stelle traten. Eine kurze Intervention, die Kindern beibrachte, Intelligenz als veränderbar zu verstehen, verbesserte messbar ihre Motivation im Unterricht.
Noch konkreter zeigt eine Studie mit 212 Kindern der vierten bis sechsten Klasse, welcher Satz wirklich hilft: Vor der zweiten Hälfte eines Mathetests sprachen sie entweder einen Anstrengungs-Satz („Ich werde mein Bestes geben!“), einen Fähigkeits-Satz („Ich bin sehr gut darin!“) oder gar nichts. Nur der Anstrengungs-Satz half den Kindern mit negativen Fähigkeitsüberzeugungen wirklich, er durchbrach den Zusammenhang zwischen „Ich kann das nicht“ und schlechter Leistung. Der Fähigkeits-Satz half nicht. Beide Studien wurden mit Mathematikaufgaben durchgeführt, aber der Mechanismus, Anstrengung statt Perfektion zu belohnen, deckt sich genau mit dem, was ich auch beim Lesen und Schreiben beobachte.
Mehr zum Thema in meiner Podcastfolge „Glaubenssätze bei LRS & Rechenschwäche: Warum dein Kind sagt ‚Ich kann das nicht'“: wie Glaubenssätze entstehen, warum Kinder mit LRS besonders anfällig dafür sind und welche kleinen Interventionen große Wirkung haben.
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(Die Buchung läuft über das Duden Institut International-Online, das ich selbst gegründet habe, kein anderer Anbieter.)
Verwendete Quellen
Blackwell, L. S., Trzesniewski, K. H., & Dweck, C. S. (2007). Implicit Theories of Intelligence Predict Achievement Across an Adolescent Transition: A Longitudinal Study and an Intervention. Child Development, 78(1), 246–263. doi.org/10.1111/j.1467-8624.2007.00995.x
Thomaes, S., Tjaarda, I. C., Brummelman, E., & Sedikides, C. (2020). Effort Self-Talk Benefits the Mathematics Performance of Children With Negative Competence Beliefs. Child Development, 91(6), 2211–2220. doi.org/10.1111/cdev.13347

