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Warum fällt es dir manchmal so schwer, gelassen zu bleiben, wenn dein Kind an einer Hausaufgabe verzweifelt? Warum reagierst du so heftig auf einen Rechtschreibfehler, obwohl du doch weißt, dass Fehler dazugehören?
Die Antwort liegt oft nicht bei deinem Kind. Sie liegt in deiner eigenen Schulzeit.
Lieber hören statt lesen? Weiter unten geht es zu meiner Podcastfolge zum Thema.
Der innere Film, den wir alle mit uns tragen
Wenn wir an Bildung denken, denken die meisten an Noten, Abschlüsse, Unterricht. Aber Bildungserfahrungen sind viel mehr als das. Es ist das Gefühl, wie es war, in der Schule gesehen zu werden, oder übersehen. Ob du lernen durftest, ohne Angst. Ob Leistung gelobt wurde, oder nie genug war.
Diese Erfahrungen sind wie ein innerer Film, den viele Eltern mit sich tragen, oft ohne sich dessen bewusst zu sein. Und dieser Film läuft weiter, wenn sie plötzlich vor dem Übungsheft ihres Kindes sitzen.
Wenn dein Kind zum Spiegel wird
Ich erinnere mich an eine Mutter, die mit ihrem Sohn zu mir kam, dritte Klasse, LRS. Sie war engagiert, hatte unzählige Fördermaterialien besorgt, geübt, organisiert. Aber sie war auch erschöpft und unglaublich angespannt beim Thema Rechtschreibung.
Im Gespräch stellte sich heraus: Sie selbst hatte nie laut vorgelesen in der Schule, weil sie sich so sehr geschämt hatte. Und nun saß ihr eigener Sohn vor ihr, stockend lesend, mit roten Ohren. Und in ihr wurde all das wieder wach. Nicht, weil ihr Sohn zu wenig geübt hatte. Sondern weil ihr altes Gefühl von Scham wieder da war.
Was dann passiert, ist zutiefst menschlich: Wir reagieren nicht auf das Kind, sondern auf ein altes Gefühl, das gerade durch das Kind aktiviert wird.
Wie sich Muster unbewusst weitergeben
Wir geben viel an unsere Kinder weiter: unsere Sprache, unsere Werte, unsere Sicht auf die Welt. Aber auch unsere Ängste, unsere Schulerfahrungen, unsere Unsicherheiten.
Ein Vater sagte einmal zu mir: „Ich war nie gut in Mathe. Mein Vater auch nicht, und dessen Vater auch nicht. Ich will, dass mein Sohn es besser hat.“ Was daraus entstand, war enormer Druck, nicht aus Strenge, sondern aus Schutz. Aber Kinder spüren diesen Druck, und verlieren oft genau dadurch den Mut.
Bewusst machen heißt nicht: Schuld haben
An dieser Stelle ist mir etwas wichtig: Bewusstes Weitergeben ist nicht das Problem. Unbewusstes Weitergeben ist das, was Bindung und Lernen erschweren kann.
Wenn wir erkennen, welche Sätze in uns wirken, „Ich war nie kreativ“, „Mathe war nie mein Ding“, „Bei uns in der Familie konnte noch nie jemand Deutsch“, dann können wir bewusst entscheiden: Will ich das weitergeben? Oder will ich meinem Kind eine neue Erfahrung ermöglichen? Es geht nicht darum, alles besser zu machen. Sondern bewusster. Mitfühlender, auch mit dir selbst. Wie du konkret auf einzelne Glaubenssätze wie diese reagierst, zeige ich in „Wenn dein Kind sagt ‚Ich kann das sowieso nicht'“.
Drei Fragen, die du dir stellen kannst
- Welche Erfahrung aus meiner eigenen Schulzeit begleitet mich bis heute, bewusst oder unbewusst?
- Was wünsche ich mir für mein Kind, und was befürchte ich, vielleicht heimlich?
- Welche Sätze sage ich oft, und sind sie wirklich meine eigenen? Oder stammen sie aus einer alten Geschichte?
Diese Fragen können unbequem sein. Aber sie öffnen Türen.
Was du bewusst weitergeben kannst
Du kannst so vieles weitergeben, was stärkt: den Satz „Du darfst Fehler machen.“ Den Blick „Ich sehe, dass du dich anstrengst, und das zählt.“ Den Raum „Du musst nicht perfekt sein, um willkommen zu sein.“
Und manchmal ist das auch ein Geschenk an dein früheres Ich. An das Kind, das du einmal warst, und das heute einen anderen Weg ermöglichen kann.
„Du musst es nicht allein schaffen. Und dein Kind muss es nicht ‚besser machen‘, um genug zu sein.“
— Mio Lindner
Was die Forschung sagt
Für Dyskalkulie / Rechenschwäche ist die Weitergabe innerhalb der Familie inzwischen auch quantitativ belegt: Eine Studie mit rund 500 Erst- und Zweitklässlern zeigte, dass Kinder mathematisch ängstlicher Eltern über ein Schuljahr signifikant weniger Mathe-Fortschritt machten und selbst ängstlicher wurden, allerdings nur, wenn diese Eltern gleichzeitig häufig bei den Mathe-Hausaufgaben halfen. Half ein mathematisch ängstlicher Elternteil seltener mit, blieb der Effekt aus. Es ist also nicht die Angst der Eltern allein, die weitergegeben wird, sondern das, was in der gemeinsamen Übungssituation an dieser Angst spürbar wird.
Mehr zum Thema in meiner Podcastfolge „Warum deine Schulerfahrungen das Lernen deines Kindes beeinflussen“: echte Geschichten aus meiner Praxis, typische unbewusste Muster in Familien und Reflexionsfragen für Eltern.
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(Die Buchung läuft über das Duden Institut International-Online, das ich selbst gegründet habe, kein anderer Anbieter.)
Verwendete Quellen
Maloney, E. A., Ramirez, G., Gunderson, E. A., Levine, S. C., & Beilock, S. L. (2015). Intergenerational effects of parents‘ math anxiety on children’s math achievement and anxiety. Psychological Science, 26(9), 1480–1488. doi.org/10.1177/0956797615592630

