Inhaltsverzeichnis
- Was ist Dyskalkulie / Rechenschwäche?
- Ursachen von Dyskalkulie / Rechenschwäche
- Was Dyskalkulie von Legasthenie / LRS unterscheidet
- Wie läuft eine Dyskalkulie-Diagnose ab?
- Kann Mehrsprachigkeit wie eine Dyskalkulie aussehen?
- Welche Behandlung hilft bei Dyskalkulie / Rechenschwäche?
- Häufig gestellte Fragen zu Dyskalkulie / Rechenschwäche
- Quellen
Bei vielen Kindern ist Rechnen einfach nur mühsam. Bei manchen bleibt es aber ein Rätsel, ganz gleich wie sehr sie sich anstrengen: Zahlen, Mengen, ihre Beziehungen zueinander, das alles will einfach nicht in den Kopf. Seit über 15 Jahren begleite ich als integrativer Lerntherapeut Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit Dyskalkulie, der Rechenschwäche, und ich weiß, wie oft sie übersehen wird, gerade weil über Legasthenie / LRS viel mehr gesprochen wird.
Die meisten Betroffenen bekommen nie eine klare Antwort darauf, warum ihnen etwas so schwerfällt, das für andere selbstverständlich wirkt. In diesem Artikel liest du, was Dyskalkulie / Rechenschwäche wirklich ist, woran du sie erkennst, wie eine Diagnose abläuft und welche Unterstützung tatsächlich hilft.
Was ist Dyskalkulie / Rechenschwäche?
Dyskalkulie, die Rechenschwäche, ist keine vorübergehende Schwäche im Matheunterricht, sondern eine eigenständige, anerkannte Entwicklungsstörung, das bestätigt die AWMF-S3-Leitlinie zur Rechenstörung. Der Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie (BVL) macht Eltern dazu gleich zu Beginn Mut: „Mit guter Förderung und starkem Rückhalt stehen Ihrem Kind alle Wege offen.“
Anders als viele annehmen, betrifft Dyskalkulie nicht nur das Rechnen selbst. Sie zeigt sich schon im grundlegenden Verständnis von Zahlen und Mengen und deren Beziehungen zueinander, dem sogenannten Zahlensinn, und wirkt sich von dort auf alle weiteren mathematischen Fertigkeiten aus (Landerl & Fussenegger, 2007). Auch die Vorstellung von Zahlen auf einem gedachten Zahlenstrahl gehört dazu: Bei Kindern mit Dyskalkulie ist dieses innere Bild von Zahlen häufig noch nicht so gut ausgebildet (Kucian et al., 2011).
Wichtig zu wissen: Dyskalkulie hat nichts mit der allgemeinen Intelligenz zu tun. Kinder mit Dyskalkulie sind genauso klug wie ihre Mitschülerinnen und Mitschüler, ihre Schwierigkeiten betreffen ausschließlich den mathematischen Bereich (Kucian et al., 2011).
Ursachen von Dyskalkulie / Rechenschwäche
Dyskalkulie ist keine Seltenheit: Je nach Studie sind zwischen 2 und 8 Prozent aller Kinder betroffen (Ise & Schulte-Körne, 2013/2018), eine Trainingsstudie kommt auf eine engere Schätzung von 3 bis 6 Prozent (Kucian et al., 2011). Warum manche Kinder davon betroffen sind und andere nicht, ist wissenschaftlich noch nicht abschließend geklärt. Als gesichert gilt aber: Dyskalkulie ist neurokognitiv eigenständig, eine andere, grundlegende Art, wie Zahlen und Mengen verarbeitet werden, unabhängig von Legasthenie / LRS, auch wenn beide oft gemeinsam auftreten (Landerl & Fussenegger, 2007).
Häufig tritt Rechenschwäche gemeinsam mit anderen Störungen auf, etwa Legasthenie, ADHS oder Angststörungen. Das eine verursacht nicht automatisch das andere, beides braucht aber eigene Aufmerksamkeit in der Diagnostik.
Wie stark sich das im Gehirn zeigt, konnte eine Trainingsstudie mit bildgebenden Verfahren belegen: Nach einem gezielten Computertraining zum Aufbau des Zahlenstrahls veränderte sich bei den teilnehmenden Kindern mit Dyskalkulie messbar die Hirnaktivität, ein Hinweis darauf, dass gezielte Förderung nicht nur die Ergebnisse verbessert, sondern tatsächlich im Gehirn ansetzt (Kucian et al., 2011).
„Rechenschwäche ist genauso wenig eine Frage von Fleiß oder Intelligenz wie Legasthenie / LRS. Nur ist sie noch weniger bekannt und wird viel seltener erkannt.“
— Mio Lindner
Was Dyskalkulie von Legasthenie / LRS unterscheidet
Dyskalkulie betrifft den Umgang mit Zahlen, Legasthenie / LRS das Lesen und Schreiben. Beide sind eigenständige Diagnosen mit eigenen Diagnosekriterien (AWMF-S3-Leitlinien 028-046 und 028-044), auch wenn sie oft gemeinsam auftreten.
Wie häufig beide gemeinsam auftreten, ist in der Forschung umstritten: Je nach Studie liegt die Rate zwischen 17 und 64 Prozent, die einzige deutschsprachige Untersuchung fand eine kombinierte Störung bei 4,2 Prozent der Kinder gegenüber 2,2 Prozent mit isolierter Rechenstörung (Landerl & Fussenegger, 2007). Das spricht fachlich eher für zwei unabhängige Ursachen als für eine gemeinsame: Dyskalkulie verarbeitet Zahlen anders, Legasthenie / LRS verarbeitet Sprache anders.
Mehr zu den Ursachen von Legasthenie / LRS liest du hier: Legasthenie / LRS: Ursachen, Diagnose und Behandlung.
Wie läuft eine Dyskalkulie-Diagnose ab?
Eine frühzeitige Diagnose kann verhindern, dass sich Vermeidungsverhalten und Selbstzweifel erst festsetzen. Das gilt bei Rechenschwäche sogar besonders: Kinder mit Rechenschwäche fühlen sich emotional oft noch stärker belastet als Kinder mit LRS, mit mehr Ängsten, Rückzug oder auch mal Bauchschmerzen ohne erkennbaren Grund (Huck & Schröder, 2015).
Die offizielle Diagnose nach ICD stellt ausschließlich ein Facharzt oder eine Fachärztin. Niemand sonst darf das.
Für den Start einer Lerntherapie brauchst du diese ICD-Diagnose allerdings nicht: Lerntherapeutinnen arbeiten mit einer eigenen Förderdiagnostik. Für Schule, Ausbildung oder einen Nachteilsausgleich (NTA) wird die ärztliche Diagnose dagegen meist vorausgesetzt. Wichtig in jedem Fall: Schlechte Matheleistungen allein sind keine Diagnose, das zeigt erst eine strukturierte Testung.
Ausführlich, inklusive der Frage, ab welchem Alter eine Diagnose sinnvoll ist und welche Testverfahren dabei zum Einsatz kommen: Dyskalkulie-Test für Kinder: So läuft die Diagnose ab.
Kann Mehrsprachigkeit wie eine Dyskalkulie aussehen?
Gerade bei Kindern, die mehrsprachig aufwachsen oder ins Ausland ziehen und dort in einer neuen Sprache unterrichtet werden, taucht diese Frage häufig auf: Ist das wirklich eine Rechenschwäche, oder liegt es an der neuen Unterrichtssprache? Die Forschung zeigt, beides kann zusammenhängen, ist aber nicht dasselbe.
Wie Kinder Zahlen benennen und im Kopf verarbeiten, hängt tatsächlich von der jeweiligen Sprache ab. Im Deutschen wird die Einer-Zehner-Reihenfolge gesprochen, „vierundzwanzig“, im Französischen dagegen die Zehner-Einer-Reihenfolge, „vingt-quatre“, wörtlich zwanzig-vier. Eine Studie mit zwei- und mehrsprachigen Schülerinnen und Schülern in Luxemburg zeigte: Genau an dieser sprachlichen Struktur entstehen messbar mehr Rechenfehler, je nachdem, in welcher Sprache gerechnet wird (Van Rinsveld et al., 2015).
Noch aufschlussreicher: Die Sprache, in der ein Kind ursprünglich rechnen gelernt hat, behält ihren Vorteil, selbst wenn danach jahrelang in einer anderen Sprache unterrichtet wird. In derselben Studie blieben auch Erwachsene bei komplexeren Rechenaufgaben in ihrer ursprünglichen Rechensprache schneller und genauer, obwohl sie längst überwiegend in der neuen Sprache lebten und lernten (Van Rinsveld et al., 2015).
Für Familien, die international leben oder umziehen, heißt das: Rechenschwierigkeiten nach einem Sprachwechsel sind nicht automatisch eine Dyskalkulie. Bevor irgendeine Diagnose im Raum steht, lohnt sich der Blick darauf, ob die Schwierigkeiten wirklich das Zahlenverständnis selbst betreffen oder eher die neue Rechensprache, genau das kann eine Förderdiagnostik unterscheiden.
Welche Behandlung hilft bei Dyskalkulie / Rechenschwäche?
Lieber hören statt lesen? Weiter unten geht es zu meiner Podcast-Folge „5 wichtige Grundlagen, um Rechenschwäche zu verstehen“.
Nachhilfe und Lerntherapie lösen unterschiedliche Probleme. Nachhilfe hilft, wenn die Grundlagen eigentlich stimmen und nur der Anschluss an den aktuellen Stoff fehlt. Bei einer tatsächlichen Dyskalkulie reicht das nicht aus, weil die Lücken viel früher liegen, oft schon beim grundlegenden Zahlenverständnis. Reines Üben allein hilft dann nicht: Ohne die sogenannte Handlungsvorstellung, also das eigentliche Verständnis dafür, was beim Rechnen passiert, wird jede geübte Aufgabe wie ein auswendig gelerntes Gedicht behandelt und ist wenig später wieder vergessen.
Genau das erkläre ich ausführlich in meiner Podcast-Folge „5 wichtige Grundlagen, um Rechenschwäche zu verstehen: Warum Üben allein nicht hilft“.
Integrative Lerntherapie setzt genau dort an: Eine Förderdiagnostik zeigt zuerst, wo im Lernprozess die eigentlichen Schwierigkeiten liegen, dann wird gezielt an diesen Grundlagen gearbeitet, nicht am aktuellen Matheunterricht. Gleichzeitig braucht es Arbeit am Selbstvertrauen, denn die Rechenangst, die viele Kinder mit Dyskalkulie entwickeln, verschlechtert die Leistung zusätzlich (Rubinsten & Tannock, 2010). Der Fachverband für integrative Lerntherapie (FiL) beschreibt genau das als Ziel: Kinder sollen „ihre Stärken entdecken, Kompetenzen entfalten und Lernschwierigkeiten überwinden“ können.
Wie wichtig ein früher Beginn ist, zeigt die S3-Leitlinie zur Rechenstörung: Bei einem Risiko für eine Dyskalkulie soll die Förderung schon im letzten Kindergartenjahr beginnen, weil sich das nachweislich positiv auf die spätere Mathematikkompetenz und die schulischen Leistungen auswirkt (Ise & Schulte-Körne, 2013/2018). Deshalb sollte es nie nur um die Matheleistung gehen, sondern immer auch um das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten.
Wie weit sich unbehandelte Schwierigkeiten sogar bis ins Erwachsenenleben ziehen können, oft unbemerkter, als man denkt, beschreibe ich in meinem Artikel Dyskalkulie im Job.
Genauso wichtig: ein familiäres Umfeld, in dem Schwierigkeiten mit Zahlen nicht als persönliches Versagen gelten, sondern als das, was sie sind, eine behandelbare Störung. Mehr zu diesem Weg findest du auch in meinem Buch „Umty“.
Häufig gestellte Fragen zu Dyskalkulie / Rechenschwäche
Ist Dyskalkulie eine Krankheit?
Nein, jedenfalls nicht im klassischen Sinn. Dyskalkulie ist eine anerkannte Entwicklungsstörung, sie lässt sich nicht heilen, aber gut behandeln.
Ist Dyskalkulie heilbar?
Nein. Ohne Förderung bleiben die Schwierigkeiten bestehen, mit der richtigen Unterstützung lernen Kinder aber, sie wirksam auszugleichen, je früher, desto besser (Ise & Schulte-Körne, 2013/2018).
Hat Dyskalkulie etwas mit Intelligenz zu tun?
Nein. Kinder mit Dyskalkulie haben eine normale Intelligenz, die Schwierigkeiten betreffen ausschließlich den mathematischen Bereich (Kucian et al., 2011).
Was ist der Unterschied zu Legasthenie / LRS?
Dyskalkulie betrifft Zahlen und Rechnen, Legasthenie / LRS das Lesen und Schreiben. Beide sind eigenständige Störungen, die häufig gemeinsam auftreten, aber unterschiedliche Ursachen haben.
Wenn du den Verdacht hast, dass dein Kind, oder du selbst, von Dyskalkulie betroffen ist: Ein Erstgespräch zeigt, wie es weitergehen kann. Und wenn du tiefer einsteigen willst: Mein Buch „Umty“ begleitet Familien durch genau diesen Weg.
Kostenloses Erstgespräch jetzt buchen →
(Die Buchung läuft über das Duden Institut International-Online, das ich selbst gegründet habe, kein anderer Anbieter.)
Quellen
- Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF). S3-Leitlinie Diagnostik und Behandlung der Rechenstörung, Registernummer 028-046 (Ise, E., & Schulte-Körne, G.). register.awmf.org/de/leitlinien/detail/028-046
- Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie e. V. (BVL). Tipps für Eltern von Kindern mit Dyskalkulie. bvl-legasthenie.de/dyskalkulie/tipps-fuer-eltern.html
- Fachverband für integrative Lerntherapie (FiL). Informationen für Eltern. lerntherapie-fil.de/index.php/informationen/fuer-eltern
- Landerl, K., & Fussenegger, B. (2007). Dyskalkulie und Legasthenie: Same or different? LeDy – Mitgliederzeitschrift des BVL, 4/2007, 5–12. PDF
- Kucian, K., Grond, U., Rotzer, S., Henzi, B., Schönmann, C., Plangger, F., & von Aster, M. (2011). Mental number line training in children with developmental dyscalculia. NeuroImage, 57(3), 782–795. doi.org/10.1016/j.neuroimage.2011.01.070
- Rubinsten, O., & Tannock, R. (2010). Mathematics anxiety in children with developmental dyscalculia. Behavioral and Brain Functions, 6, 46. doi.org/10.1186/1744-9081-6-46
- Huck, L., & Schröder, A. (2015). PuLs-Studie: Psychosoziale Belastungen bei Lernschwierigkeiten. Duden Institute für Lerntherapie, Berlin. duden-institute.de/ueber-uns/publikationen/puls-studie
- Bund-Länder-Ausschuss für schulische Arbeit im Ausland (BLASchA). Empfehlungen zur Förderung von Schülerinnen und Schülern mit besonderen Schwierigkeiten beim Lesen und Rechtschreiben sowie beim Rechnen an den Deutschen Schulen im Ausland, Beschluss vom 17.03.2010 i.d.F. vom 25.04.2025. Kultusministerkonferenz. PDF
- Van Rinsveld, A., Brunner, M., Landerl, K., Schiltz, C., & Ugen, S. (2015). The relation between language and arithmetic in bilinguals: insights from different stages of language acquisition. Frontiers in Psychology, 6, 265. doi.org/10.3389/fpsyg.2015.00265
- Lindner, M. (2026). UMTY: Leben mit Legasthenie und Dyskalkulie. YessYess Verlag.

