Person im Bürogespräch erklärt LRS ruhig und direkt — Offenheit als Strategie im Berufsalltag

LRS im Job ansprechen: Warum Schweigen mehr kostet als Sprechen

LRS im Job ansprechen: Warum Schweigen mehr kostet als Sprechen

Viele Erwachsene mit LRS schweigen am Arbeitsplatz über ihre Schwierigkeiten. Aus Angst, als faul zu gelten. Aus Scham. Aus der Überzeugung, dass es niemanden etwas angeht. Dieser Artikel zeigt, warum Offenheit im Beruf keine Schwäche ist — sondern eine der wirksamsten Strategien, die Menschen mit LRS im Job ansprechen können.

Offenheit im Büro bei LRS.

Häufige Fragen zu LRS im Job ansprechen

Muss ich LRS im Bewerbungsgespräch erwähnen?

Nein, du bist rechtlich nicht verpflichtet, LRS offenzulegen. Wenn sie deinen Joballtag betrifft, ist proaktive Offenheit jedoch oft sinnvoll — sie schützt vor Missverständnissen und zeigt Selbstreflexion.

Kann mir LRS im Beruf zum Nachteil werden?

In Deutschland darf LRS kein Grund für Ablehnung oder Kündigung sein, wenn sie für die Stelle keine relevante Anforderung darstellt. Arbeitgeber, die auf LRS mit Ablehnung reagieren, zeigen damit vor allem eins: mangelndes Verständnis.

Welche Hilfsmittel gibt es für Menschen mit LRS im Job? Diktiersoftware, Text-to-Speech, KI-gestützte Schreibassistenten und spezielle Tools wie DeepWrite gehören zu den wirksamsten. Viele lassen sich kostenlos testen.

Was sage ich, wenn ein Kollege Tippfehler kommentiert? Kurz und direkt: „Ich habe LRS — Tippfehler passieren mir, auch wenn ich Texte mehrfach lese. Ich arbeite mit [Tool/Strategie] daran.“ Kein Rechtfertigen, keine lange Erklärung.

Gibt es Berufe, die für Menschen mit LRS ungeeignet sind? Nein. In allen Berufsgruppen gibt es Menschen mit LRS. Entscheidend sind Eigenstrategien, passende Werkzeuge und ein Umfeld, das Offenheit zulässt.

Das Problem mit dem Schweigen

Wer seine LRS nicht benennt, überlässt anderen die Deutungshoheit. Ein falsch geschriebener Name im E-Mail-Verteiler. Ein Tippfehler im Protokoll. Ein fehlender Buchstabe in einer Präsentation.

Ohne Kontext entstehen Geschichten: Dieser Mensch ist unaufmerksam. Dieser Mensch ist nachlässig.

Keine dieser Geschichten ist wahr — aber alle entstehen, wenn niemand erklärt, was wirklich passiert.

Was passiert, wenn man LRS im Job proaktiv anspricht

Till Tinsahli, Gast im Potenzialfrei?! Podcast, hat das an einem konkreten Moment erfahren. Sein Chef fragte, ob er faul sei, nachdem ein Firmenname mehrfach falsch geschrieben auftauchte. Till erklärte zum ersten Mal aktiv seine LRS. Sein Chef verstand.

Kein Mitleid. Keine Sonderbehandlung. Zusammenarbeit.

Seit diesem Moment sagt Till es immer zuerst. Im Bewerbungsgespräch. Am ersten Arbeitstag. Bevor jemand eine falsche Geschichte erzählt.

Diese Strategie hat einen psychologischen Namen: proaktive Offenlegung. Wer erklärt, behält die Kontrolle über die eigene Geschichte. (vgl. Goffman, Stigma: Notes on the Management of Spoiled Identity, 1963)

3 konkrete Situationen — und wie du LRS ansprechen kannst

  1. Im Bewerbungsgespräch LRS muss im Bewerbungsgespräch nicht zwingend erwähnt werden. Wenn sie jedoch den Joballtag betrifft, ist Offenheit sinnvoll — nicht als Risiko, sondern als Zeichen von Selbstkenntnis. Ein einfacher Satz genügt: „Ich habe LRS. Das bedeutet konkret: [was das in diesem Job heißt, und wie ich damit umgehe].“

Arbeitgeber, die das als Problem sehen, sind selten die richtigen Arbeitgeber.

  1. Am ersten Arbeitstag Frühzeitig ansprechen schützt vor Missverständnissen, bevor sie entstehen. Ein kurzes Gespräch mit der direkten Führungskraft reicht — kein Vortrag, keine Entschuldigung. Eine Information.
  2. Im laufenden Berufsalltag Wenn LRS in einer konkreten Situation sichtbar wird, zum Beispiel ein Tippfehler in einem Dokument: kurz erklären, nicht rechtfertigen. Der Unterschied ist klein im Ton, groß in der Wirkung.

Was hilft zusätzlich: digitale Werkzeuge für LRS im Beruf

Offenheit ist eine Strategie,  aber keine alleinige. Viele Menschen mit LRS nutzen heute digitale Hilfsmittel, die den Joballtag erleichtern.

Zu den bewährtesten gehören:

  1. Diktiersoftware (z.B. Dragon Dictation, Apple Diktieren)
  2. KI-gestützte Schreibassistenten (z.B. DeepWrite, speziell für LRS entwickelt)
  3. Text-to-Speech-Programme zum Gegenlesen
  4. Browser-Plugins, die Texte laut vorlesen

Diese Werkzeuge sind keine Krücken. Sie sind das Äquivalent zur Lesebrille, ein Ausgleich für eine Eigenheit, kein Zeichen von Schwäche.

  • Nicht gut genug“-Gedanken: Wenn Kinder häufig äußern, dass sie „nicht gut genug“ sind, kann dies auf ein negatives Selbstbild hinweisen.
  • Körperliche Symptome wie Bauch- oder Kopfschmerzen: Diese Symptome, die regelmäßig vor dem Lesen auftreten, können Ausdruck von psychischem Stress sein.
  • Desinteresse an der Schule: Ein plötzliches Desinteresse an schulischen Aufgaben kann ein Zeichen für emotionale Belastung sein.
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Was die Forschung sagt

Albert Bandura hat gezeigt: Wer glaubt, durch eigenes Handeln etwas bewirken zu können, handelt auch dann, wenn es schwierig wird. (Bandura, Self-Efficacy: The Exercise of Control, 1997) Genau das ist Offenheit im Job — eine aktive Entscheidung, die Kontrolle behält, anstatt auf das Urteil anderer zu warten.

„LRS zu haben bedeutet nicht, schlechtere Arbeit zu leisten — es bedeutet, anders zu arbeiten.“Mio Lindner

Verwendete Quellen:

Bandura, A. (1997). Self-Efficacy: The Exercise of Control. Freeman, New York.

Goffman, E. (1963). Stigma: Notes on the Management of Spoiled Identity. Prentice-Hall, New Jersey. 

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