Schulangst bei LRS oder Rechenschwäche: Was Eltern jetzt tun können

Mädchen sitzt konzentriert vor einem Laptop bei den Hausaufgaben

Ein neues Schuljahr fängt an. Für viele Kinder ist das aufregend. Für Kinder mit Legasthenie / LRS oder Rechenschwäche ist es oft etwas anderes: der Moment, in dem Schulangst wieder aufkommt und sichtbar wird, was letztes Jahr nicht gelungen ist.

Vielleicht kennst du das. Dein Kind sitzt am Tisch, es gibt Matheaufgaben oder einen Lesetext, und während andere scheinbar mühelos weiterkommen, kämpft dein Kind. Jeden Tag ein kleiner Misserfolg. Und du fragst dich: Wie fangen wir das auf? Wie geben wir unserem Kind das Gefühl, genug zu sein, auch wenn es anders lernt?

Genau darum geht es in der aktuellen Folge meines Potenzialfrei!?-Podcasts, „Zurück in den Schulalltag: Wenn LRS oder Rechenschwäche vorliegt und Anforderungen noch nicht erfüllt werden können“. In diesem Artikel fasse ich die wichtigsten Erkenntnisse zusammen, mit den Studien dahinter und einer Checkliste für zu Hause.

Auf einen Blick

  • Der Kreislauf aus Misserfolg, Selbstzweifel und Schulangst lässt sich durchbrechen, mit Routine, Fehlerkultur und sichtbaren Erfolgen.
  • Eine Eltern-Checkliste für den Alltag findest du weiter unten.
  • Mit dem Eltern-Check bekommst du eine erste Orientierung, wo ihr gerade steht.

Häufige Fragen zum Schulalltag mit LRS oder Rechenschwäche

Warum trifft der Schulalltag Kinder mit LRS oder Rechenschwäche besonders hart?
Schule baut aufeinander auf. Wer im ersten Jahr beim Lesen kämpft, kämpft im zweiten Jahr stärker, weil Texte länger und Aufgaben komplexer werden. Bei Rechenschwäche ist es ähnlich: Wer die Grundrechenarten nicht sicher automatisiert, erlebt später täglich Überforderung.

Bedeutet eine LRS oder Rechenschwäche, dass mein Kind weniger intelligent ist?
Nein. Beides sind sogenannte Teilleistungsstörungen: Dein Kind hat in einem spezifischen Bereich Schwierigkeiten, während andere Fähigkeiten normal oder sogar überdurchschnittlich entwickelt sein können. Mehr zu Ursachen und Diagnose liest du in meinem Artikel „Legasthenie / LRS: Ursachen, Diagnose und Behandlung“.

Was kann ich als Elternteil konkret tun, wenn die schulischen Anforderungen gerade nicht passen?
Struktur geben, kleine Erfolge sichtbar machen, eine Fehlerkultur pflegen, die nicht bewertet, und das Gespräch mit der Schule suchen. Alle vier Punkte erkläre ich unten im Detail.

Wie spreche ich mit meinem Kind, wenn es sagt „Ich bin dumm“?
Nicht mit einem schnellen „Das stimmt doch gar nicht“, sondern mit Anerkennung und Umdeutung: „Ich sehe, dass dich das traurig macht, weil es dir schwerfällt. Und ich sehe, wie viel Mühe du dir gibst. Mühe geben ist eine Stärke.“

Wann sollte ich professionelle Hilfe suchen?
Wenn du merkst, dass dein Kind leidet, warte nicht, bis die Noten im Keller sind. Ein kostenloses Erstgespräch hilft, früh einzuordnen, was dein Kind braucht.

Wenn der Schulalltag zur Schulangst wird

Etwa fünf bis zehn Prozent aller Kinder sind von einer Lese-Rechtschreib-Schwäche oder einer Rechenschwäche betroffen. Das lässt sich nicht oft genug sagen, weil es dem Gefühl vieler Eltern widerspricht, allein zu sein.

Kinder mit LRS oder Rechenschwäche hören in der Schule oft, was nicht klappt. Sie vergleichen sich täglich mit Mitschülern, die Texte flüssig lesen oder Zahlenreihen schnell lösen, und kommen selbst nicht mit. Aus diesem Vergleich entstehen schnell Sätze wie: „Ich bin dumm. Ich kann das nie.“ Und aus wiederholtem Misserfolg wird echte Schulangst: Bauchschmerzen morgens, Tränen beim Thema Hausaufgaben, der Satz „Ich will nicht in die Schule.“

Der Teufelskreis: warum ein Fehler mehr ist als ein Fehler

Hier beginnt ein Muster, das die Lerntherapie-Forschung schon in den 1980er-Jahren beschrieben hat: Misserfolg führt zu Selbstzweifel, Selbstzweifel führt zu Angst vor neuen Aufgaben, und diese Angst führt zu noch mehr Misserfolg. Wenn niemand eingreift, rutscht ein Kind in eine Abwärtsspirale aus Schulangst und Selbstwertproblemen.

Eltern können diesen Kreislauf durchbrechen. Nicht, indem sie Fehler kleinreden, sondern indem sie eine Gegenstimme sind: „Du bist nicht deine Fehler. Du bist ein Kind mit eigenen Stärken. Und du kannst lernen, vielleicht langsamer, vielleicht anders, aber du kannst.“

Schulangst bei LRS oder Rechenschwäche: was tun?

Kinder mit LRS oder Rechenschwäche brauchen vor allem eines: Struktur. Struktur ist wie ein Geländer auf einem wackligen Weg. Für Hausaufgaben heißt das konkret:

  • Nicht eine Stunde am Stück, sondern zwei bis drei Einheiten à zehn bis fünfzehn Minuten.
  • Ein sichtbarer Timer, damit klar ist: Das hier hat ein Ende.
  • Start mit einer Aufgabe, die dein Kind schon kann, für ein Erfolgserlebnis gleich zu Beginn.
  • Pausen sind Pflicht, keine Kür.

Fehler als Lernschritte: eine Fehlerkultur, die trägt

5 fatale Fehler, die dein Kind bei LRS/Rechenschwäche blockieren

Wenn dein Kind einen Fehler macht, hilft nicht „Schon wieder falsch“, sondern: „Du hast es versucht, lass uns schauen, wie wir das anders angehen.“ So entsteht zu Hause eine Fehlerkultur, die trägt. Dein Kind lernt: Ein Fehler bedeutet nicht, schlecht zu sein. Ein Fehler bedeutet, zu wachsen. Welche Reaktionen typischerweise mehr schaden als helfen, habe ich in „Diese 5 Fehler machen alles schlimmer bei LRS & Rechenschwäche“ gesammelt.

Stärken sichtbar machen: das Mut-Glas

Kinder mit LRS oder Rechenschwäche hören in der Schule vor allem, was nicht funktioniert. Zu Hause sollten sie hören, was funktioniert. Ein einfaches Ritual dafür ist das Mut-Glas: Jeden Abend schreibt ihr gemeinsam einen kleinen Erfolg auf einen Zettel, zum Beispiel „Ich habe drei Sätze gelesen“ oder „Ich habe bei der Matheaufgabe nicht aufgegeben“. Der Zettel wandert ins Glas. Nach ein paar Wochen könnt ihr gemeinsam nachsehen, wie viele Erfolge sich angesammelt haben.

Alternativ funktioniert ein Erfolgsbuch, in dem auch Stärken außerhalb der Schule stehen: gut gemalt, gut mit der Freundin gespielt, sich eine Geschichte ausgedacht. Dein Kind lernt dabei etwas Entscheidendes: Ich bin mehr als mein Lesen. Ich bin mehr als mein Rechnen. Weitere Rituale, die Mut machen, findest du in „5 Mut-Strategien, die bei LRS & Rechenschwäche wirklich helfen“.

Elternarbeit wirkt

Eine Überblicksarbeit zu Elterninterventionen bei Kindern mit spezifischen Lernstörungen zeigt: Wenn Eltern aktiv eingebunden werden, verbessern sich die schulischen Leistungen der Kinder messbar, vor allem beim Lesen und Schreiben. Konkret heißt das: Kleine tägliche Lernrituale einbauen, etwa zehn Minuten gemeinsames Lesen, bei denen du dein Kind dafür lobst, drangeblieben zu sein, nicht nur dafür, ein Wort richtig gelesen zu haben.

Eltern-Checkliste für den Schulalltag

  • Routinen schaffen: feste Zeiten für Hausaufgaben, kurze Einheiten von zehn bis fünfzehn Minuten, Pausen einplanen.
  • Kleine Erfolge sichtbar machen: Mut-Glas oder Erfolgsbuch führen.
  • Fehler positiv umdeuten: Fehler als Lernschritt benennen, nicht als Versagen.
  • Stärken betonen: Fähigkeiten außerhalb von Lesen und Rechnen hervorheben.
  • Sprache der Ermutigung nutzen: statt „Das ist doch einfach“ lieber „Das ist knifflig, und du probierst es.“
  • Zusammenarbeit mit der Schule: Gespräch suchen, Nachteilsausgleich ansprechen, Fortschritte dokumentieren.
  • Entlastung im Alltag: lieber fünf bis zehn Minuten, die gelingen, als lange Übungsstunden voller Frust.
  • Gefühle ernst nehmen: dein Kind ausreden lassen, Emotionen spiegeln, gemeinsam Lösungen suchen.

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In wenigen Minuten eine erste Orientierung: Wo steht ihr gerade, und was hilft konkret?

Nachteilsausgleich beantragen: Zusammenarbeit mit der Schule

Du bist als Elternteil nicht allein verantwortlich, die Schule muss mitziehen. Formuliere im Gespräch mit der Lehrkraft klar und lösungsorientiert, je nachdem, was bei deinem Kind im Vordergrund steht: „Unser Kind hat Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben“ oder „Unser Kind hat Schwierigkeiten beim Rechnen. Uns ist wichtig, dass es kleine Erfolge erleben darf. Welche Möglichkeiten für Nachteilsausgleich oder individuelle Aufgaben gibt es?“

Nachteilsausgleich kann je nach Schule und Bundesland ganz unterschiedlich aussehen: mehr Zeit bei Klassenarbeiten, mündliche statt schriftliche Abfragen, größere Schrift oder Vorlesefunktion bei Texten, der Verzicht auf die Bewertung der Rechtschreibung in Fächern außerhalb von Deutsch. Wichtig zu wissen: Schulen gehen bei Rechenschwäche oft anders damit um als bei LRS, weil ein falsches Rechenergebnis in der Regel eindeutig falsch ist, während sich Rechtschreibfehler leichter ausgleichen lassen. Frag deshalb gezielt nach, welche Regelungen für Rechenschwäche an eurer Schule gelten, das ist nicht automatisch dasselbe wie bei LRS.

Halte Fortschritte und Schwierigkeiten schriftlich fest, das hilft dir, Entwicklungen im Gespräch konkret zu benennen.

Was die Forschung sagt

Der oben beschriebene Teufelskreis aus Misserfolg, Selbstzweifel und Vermeidung ist kein neues Beobachtungsmuster, sondern seit den 1980er-Jahren als „Teufelskreis Lernstörungen“ beschrieben: (Selbst-)Zweifel und ausbleibende Erfolgserlebnisse verstärken sich gegenseitig, wenn niemand eingreift.

Eine systematische Übersichtsarbeit zu Elterninterventionen bei Kindern mit spezifischen Lernstörungen bestätigt, dass aktive Einbindung der Eltern die schulischen Leistungen verbessern kann, insbesondere im Bereich Lesen und Schreiben.

Eine Studie mit knapp 800 Grundschulkindern fand zwar keinen signifikanten Unterschied im selbstberichteten Angstlevel zwischen Kindern mit und ohne Dyslexie. Kinder mit Dyslexie berichteten aber ein geringeres Lese-Selbstkonzept und geringere emotionale Intelligenz, und beide Faktoren wirkten als schützend: Je stärker Lese-Selbstkonzept und emotionale Intelligenz ausgeprägt waren, desto niedriger die Angst. Das unterstreicht, warum der Aufbau von Selbstwert und emotionaler Sprache so wirksam ist, nicht weil Angst automatisch höher wäre, sondern weil ein stabiles Selbstbild messbar davor schützt.

Auch ungewöhnliche Ansätze außerhalb des schulischen Leistungsdrucks können helfen: Eine italienische Studie zu tiergestützter Therapie (Eseltherapie) bei Kindern mit spezifischen Lernstörungen fand signifikante Verbesserungen bei Lese- und Schreibleistung sowie beim Selbstwertgefühl in der Interventionsgruppe, während die Kontrollgruppe sich nur bei einzelnen Lesegeschwindigkeitsmessungen verbesserte. Der gemeinsame Nenner: Räume außerhalb der Schule, in denen ein Kind glänzen kann, egal ob beim Malen, in der Musik, im Sport oder mit Tieren, wirken sich auf das Selbstwertgefühl aus, das dann auch in der Schule trägt.

„Es sind nicht die Fehler, die Kinder mit LRS oder Rechenschwäche brechen. Es ist das Gefühl, nicht genug zu sein.“

— Mio Lindner

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Verwendete Quellen

  • Betz, D., & Breuninger, H. (1982). Teufelskreis Lernstörungen. Fischer.
  • Guo, L., & Keles, S. (2024). A systematic review of studies with parent-involved interventions for children with specific learning disabilities. European Journal of Special Needs Education, 755–772. DOI: 10.1080/08856257.2024.2421112
  • Polychroni, F., Antoniou, F., Kofa, I., & Charitaki, G. (2024). Reading self-concept, trait emotional intelligence and anxiety of primary school children with dyslexia. Frontiers in Education. DOI: 10.3389/feduc.2024.1371627
  • Corallo, F., et al. (2023). Improvement of Self-Esteem in Children with Specific Learning Disorders after Donkey-Assisted Therapy. Children (Basel). PMID: 36979983

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