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Lesen sollte Türen öffnen. Für manche Kinder bleibt genau diese Tür zu, so sehr sie sich auch anstrengen. Wenn dein Kind beim Lesenlernen immer wieder ins Stolpern gerät, ist das kein Zeichen von mangelndem Willen, sondern oft der erste sichtbare Hinweis auf eine Legasthenie / LRS.
🎧 Lieber hören? Genau darum geht es auch in meiner Podcast-Folge „Warum Lesenlernen so schwer sein kann, und wie du dein Kind liebevoll unterstützt“. Weiter unten kannst du sie dir direkt anhören.
Was beim Lesenlernen im Kopf passiert
Für dich als Erwachsenen ist Lesen automatisiert, du denkst gar nicht mehr darüber nach. Für ein Kind ist es dagegen eine echte kognitive Höchstleistung: abstrakte Zeichen mit Lauten verknüpfen, diese zu Wörtern zusammenziehen, und aus dem Gelesenen Bedeutung erschließen. Das braucht Aufmerksamkeit, Arbeitsgedächtnis, Sprachbewusstsein sowie visuelle und phonologische Verarbeitung gleichzeitig.
Das sogenannte Zwei-Wege-Modell des Lesens (Coltheart, 1978/2005) beschreibt, wie das im Detail abläuft: Über den phonologischen Weg entschlüsseln Kinder Wörter lautgetreu, Buchstabe für Buchstabe, wichtig vor allem bei neuen oder unbekannten Wörtern. Über den direkten Weg erkennen sie häufige Wörter wie „und“ oder „der“ als Ganzes wieder, was Zeit und kognitive Ressourcen spart. Bei Legasthenie / LRS zeigen sich häufig Defizite gerade im phonologischen Weg, was wiederum den Aufbau des direkten Wegs verzögert.
Zusätzlich durchlaufen Kinder beim Lesenlernen mehrere Entwicklungsstufen (Scheerer-Neumann, 2015): von der logographischen Strategie (Wörter werden wie Logos an ihrer Form erkannt, etwa Markennamen) über die phonetische Strategie (erste Einsicht in die Buchstabe-Laut-Beziehung, buchstabenweises Erlesen) bis zur orthographischen Strategie (größere Einheiten wie Silben werden auf einen Blick erfasst, zunehmende Automatisierung). Vor Schuleintritt befinden sich die meisten Kinder noch in der logographischen oder frühen phonetischen Phase, weshalb Lautbewusstsein, Reimfähigkeit, Silbentrennung und Buchstabenkenntnis in dieser Zeit besonders wichtig sind.
Woran du erkennst, dass mehr dahintersteckt
Ein paar Anhaltspunkte, auf die du achten kannst:
- Dein Kind vermeidet das Lesen. Plötzliches Desinteresse oder aktives Ausweichen kann auf Frustration oder Angst hinweisen.
- Wutausbrüche oder Tränen beim Lesen. Das deutet oft auf Überforderung und das Gefühl des Versagens hin.
- Das Gelesene bleibt nicht hängen. Wenn sich dein Kind stark auf das reine Entziffern konzentrieren muss, bleibt kaum Kapazität, den Inhalt zu verstehen und zu behalten.
- Auffällige Nervosität vor dem Lesen. Erhöhte Anspannung kann auf tiefere Unsicherheit hindeuten.
- Schwierigkeiten, nach einer Pause wieder reinzukommen. Das kann ein Zeichen mentaler Erschöpfung sein.
Wenn es an die Substanz geht: psychische Belastung erkennen
Anhaltende Misserfolge beim Lesen wirken selten nur auf das Lesen selbst. Kinder, die immer wieder scheitern, entwickeln nicht selten ein negatives Selbstbild. Achte zusätzlich auf:
- Häufige Aussagen wie „Ich bin nicht gut genug“
- Körperliche Symptome wie Bauch- oder Kopfschmerzen, die regelmäßig vor dem Lesen auftreten
- Plötzliches Desinteresse an der Schule insgesamt
In solchen Fällen lohnt sich der Blick nicht nur auf die Lernschwierigkeit selbst, sondern auch auf das seelische Gleichgewicht deines Kindes.
Was du konkret tun kannst
- Ruhige Leseumgebung schaffen: Ein ablenkungsfreier, gemütlicher Ort hilft, Konzentration überhaupt erst zu ermöglichen.
- Feste Lesezeiten: Struktur nimmt Druck aus der Situation.
- Gemeinsam lesen: Das fördert nicht nur das Verständnis, sondern zeigt, dass Lesen auch Freude machen kann.
- Passende Bücher wählen: Interesse schlägt Anspruch, gerade am Anfang.
- Fortschritte würdigen: Jeder noch so kleine Erfolg verdient echte Anerkennung.
- Geduld mitbringen: Der Lernweg braucht Zeit, in kleinen, überschaubaren Schritten.
Wie wichtig frühes Handeln ist, zeigt sich auch in der Forschung: Phonologische Bewusstheit, also die Fähigkeit, Laute in Wörtern zu erkennen und zu unterscheiden, lässt sich im Vorschulalter besonders gut trainieren, verliert nach Schulbeginn aber zunehmend an Wirksamkeit (Küspert & Schneider, 2008). Je früher du handelst, desto mehr lässt sich noch bewegen.
Der Weg zum Lesen ist bei Legasthenie / LRS nicht immer gerade. Aber er ist nicht unüberwindbar.
Wie Kinder das Lesen im Kopf tatsächlich lernen, welche Modelle das erklären, und wie du dein Kind schon vor der Schule und in den ersten Lesejahren unterstützen kannst, erzähle ich ausführlich in dieser Folge des Potenzialfrei!? Podcasts.
Häufige Fragen
Ab wann sollte ich mir Sorgen machen?
Wenn dein Kind über mehrere Monate deutlich mehr Mühe mit dem Lesen hat als gleichaltrige Kinder und dabei zusätzlich Vermeidungsverhalten oder Frustration zeigt.
Helfen Lern-Apps wirklich?
Als Ergänzung ja, gerade weil sie spielerisch motivieren. Sie ersetzen aber keine gezielte Förderung, wenn tatsächlich eine Legasthenie / LRS vorliegt.
Wenn du unsicher bist, ob bei deinem Kind mehr dahintersteckt als eine vorübergehende Leseschwäche: Lass uns das in einem kostenlosen, unverbindlichen Erstgespräch gemeinsam anschauen.
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(Die Terminbuchung läuft über das Duden Institut International-Online, das ich selbst gegründet habe, kein anderer Anbieter.)
Quellen
- Küspert, P., & Schneider, W. (2008). Hören, lauschen, lernen: Sprachspiele für Kinder im Vorschulalter. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.
- Coltheart, M. (1978; überarbeitet 2005). Modeling Reading: The Dual-Route Approach. In M. J. Snowling & C. Hulme (Hrsg.), The Science of Reading: A Handbook. Volltext (PDF)
- Scheerer-Neumann, G. (2015). Stufenmodell des Schriftspracherwerbs. Übersicht (PDF, Berlin-Brandenburgischer Bildungsserver)

