Leseschwäche beim Kind: So erkennst du sie und hilfst beim Lesenlernen

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Lesen sollte Türen öffnen. Für manche Kinder bleibt genau diese Tür zu, so sehr sie sich auch anstrengen. Wenn dein Kind beim Lesenlernen immer wieder ins Stolpern gerät, ist das kein Zeichen von mangelndem Willen. Es kann der erste sichtbare Hinweis auf eine Legasthenie / LRS sein.

Es kann aber auch einfach Zeit brauchen. Nicht jedes Stolpern ist gleich eine Leseschwäche, und nicht jede Leseschwäche ist eine Legasthenie / LRS. Jedes Kind lernt in seinem eigenen Tempo. Die Frage ist: Woran erkennst du den Unterschied?

Auf dieser Seite findest du Orientierung. Du erfährst, was im Kopf passiert, wenn ein Kind lesen lernt, woran du Schwierigkeiten erkennst, was du zu Hause tun kannst und wann es Zeit ist, Unterstützung zu holen. Ich bin Lerntherapeut, und ich habe selbst eine Lese-Rechtschreib-Schwäche. Ich weiß, wie sich das von innen anfühlt.

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Was passiert im Kopf, wenn mein Kind lesen lernt?

Für dich ist Lesen längst automatisch. Du schaust auf ein Wort und weißt, was es heißt. Für ein Kind ist das Schwerstarbeit. Es muss abstrakte Zeichen mit Lauten verknüpfen, die Laute zu Wörtern zusammenziehen und aus dem Ergebnis auch noch Sinn machen. Das alles gleichzeitig.

Dabei durchlaufen fast alle Kinder dieselben Stufen (Scheerer-Neumann, 2015):

  • Zuerst erkennen sie Wörter wie ein Logo. Das Kind „liest“ den bekannten Markennamen, weil es die Form kennt, nicht weil es die Buchstaben entschlüsselt.
  • Dann entdecken sie die Buchstaben-Laut-Beziehung. Das Kind liest Buchstabe für Buchstabe: M, A, M, A … Mama.
  • Zuletzt erfassen sie größere Einheiten auf einen Blick, zum Beispiel Silben oder ganze Wörter. Das Lesen wird flüssiger und kostet weniger Kraft.

Hinter dieser Entwicklung stecken zwei Wege im Kopf (Coltheart, 2005). Beim ersten Weg entschlüsselt das Kind ein Wort Laut für Laut. Den braucht es für alles Neue. Beim zweiten Weg erkennt es Wörter, die es schon oft gesehen hat, als Ganzes wieder. Das spart Zeit und Kraft. Bei Legasthenie / LRS gerät häufig der erste Weg ins Stocken. Und dann fehlt dem Kind das Fundament, auf dem der zweite Weg wachsen soll.

Mein Kind kann in der 1. Klasse nicht richtig lesen: Ist das noch normal?

Erst einmal: Dass dein Kind am Anfang stolpert, ist kein Alarmzeichen. Lesenlernen ist Schwerstarbeit, das hast du oben gesehen. Entscheidend ist deshalb nicht, ob dein Kind stolpert. Entscheidend ist, ob es vorankommt.

Diese drei Fragen helfen dir bei der Einordnung:

  • Kommt dein Kind voran, auch langsam? Es kennt mehr Buchstaben, erkennt mehr Wörter, wirkt von Woche zu Woche ein bisschen sicherer. Dann braucht es vor allem Zeit.
  • Bleibt es hängen? Dasselbe Wort ist am nächsten Tag wieder fremd, obwohl ihr geübt habt. Die gleichen Fehler tauchen immer wieder auf. Das Üben fühlt sich an, als würdet ihr auf der Stelle treten.
  • Was macht das Lesen mit deinem Kind? Wird es unruhig, weicht es aus, kommen Tränen? Dann geht es nicht mehr nur ums Können, sondern auch ums Selbstvertrauen.

Wenn dein Kind über einen längeren Zeitraum deutlich mehr Mühe hat als gleichaltrige Kinder und dazu Frust oder Vermeidung zeigt, solltest du genauer hinschauen. Das ist kein Grund zur Panik. Es ist ein Grund, nicht länger nur abzuwarten.

Zur Einordnung: Eine Lese- und/oder Rechtschreibstörung betrifft je nach Studie etwa 3 bis 11 Prozent der Kinder weltweit (Galuschka & Schulte-Körne, 2016). Du bist mit deiner Sorge also nicht allein.

Eine Diagnose ist in der 1. Klasse allerdings meist noch nicht das Ziel. Vorschul-Screenings zeigen ein Risiko, stellen aber keine Diagnose (AWMF, o. J.), und standardisierte Lese- und Rechtschreibtests gibt es erst ab der 1. Klasse. Was genau in diesem Alter auffällt, beschreibe ich in LRS Symptome 1. Klasse. Wie eine Diagnose abläuft, steht unter Legasthenie-Test für Kinder: So läuft die Diagnose ab.

Woran erkenne ich eine Leseschwäche?

Ein einzelnes Anzeichen sagt wenig. Auf die Mischung kommt es an und darauf, wie lange sie anhält. Das fällt beim Lesen selbst auf:

  • Buchstaben und Laute wollen nicht zusammenpassen. Dein Kind weiß heute, wie das „B“ klingt, und hat es morgen wieder vergessen.
  • Auch einfache, häufige Wörter bleiben fremd. Wörter wie „Haus“, „Kind“ oder „Baum“ muss es jedes Mal neu entschlüsseln, obwohl es sich sprachlich sonst gut entwickelt.
  • Ähnliche Buchstaben oder Silben werden verwechselt, zum Beispiel „b“ und „d“ oder „p“ und „q“.
  • Es liest mühsam und langsam. Dein Kind buchstabiert laut, Buchstabe für Buchstabe, und braucht für kurze Wörter lange.
  • Es stolpert beim Vorlesen und muss oft zurückgehen, um ein Wort noch einmal zu versuchen.
  • Vom Gelesenen bleibt wenig hängen. Wenn dein Kind seine ganze Kraft ins Entziffern steckt, bleibt kaum Platz, um den Inhalt zu verstehen und zu behalten.
  • Reime und Wortklänge fallen ihm schwer. Das zeigt sich oft schon vor der Schule.

Alles, was dir am Verhalten deines Kindes auffällt, also Ausweichen, Tränen oder Anspannung, besprechen wir im nächsten Abschnitt. Das gehört zu den wichtigsten Anzeichen, aber es verdient mehr Raum.

Die ausführliche Liste für die ersten Schuljahre findest du unter LRS Symptome 1. Klasse. Einen Überblick über Anzeichen für Legasthenie / LRS und Dyskalkulie / Rechenschwäche gibt dir Anzeichen für Legasthenie / LRS und Dyskalkulie / Rechenschwäche.

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Mein Kind weicht dem Lesen aus oder weint dabei: Was steckt dahinter?

Lesen ist selten nur Lesen. Wenn ein Kind Tag für Tag erlebt, dass andere mühelos vorankommen und es selbst immer wieder hängen bleibt, hinterlässt das Spuren. Das ist keine Schwäche deines Kindes. Und es ist kein Zeichen, dass du als Elternteil etwas falsch machst.

Eine Längsschnittstudie hat Kinder von der 1. bis zur 3. Klasse begleitet. Kinder mit Leseproblemen in der 1. Klasse zeigten in der 3. Klasse signifikant häufiger eine schwache Mitarbeit bei Aufgaben („task engagement“), schwache Selbstkontrolle sowie nach außen gerichtete (externalisierende) und nach innen gerichtete (internalisierende) Verhaltensprobleme. Andere mögliche Einflüsse wurden dabei statistisch kontrolliert. Umgekehrt hatten Kinder mit schwacher Mitarbeit bei Aufgaben in der 1. Klasse häufiger Leseprobleme in der 3. Klasse. Die Autorinnen und Autoren schließen daraus, dass Förderung wohl am wirksamsten ist, wenn sie Leseprobleme und aufgabenbezogenes Verhalten gleichzeitig angeht (Morgan et al., 2008).

Das fällt häufig beim Lesen auf:

  • Dein Kind weicht aus. Es verliert plötzlich das Interesse oder findet mit allen Mitteln einen Grund, nicht zu lesen. Dahinter steckt oft Frust oder Angst.
  • Es gibt Wutausbrüche oder Tränen. Das deutet oft auf Überforderung und das Gefühl hin, zu versagen.
  • Es wirkt nervös, bevor es lesen soll. Wiederholte Misserfolge machen unsicher.
  • Es kommt nach einer kurzen Pause nicht mehr rein. Das kann ein Zeichen von Erschöpfung sein. Lesen kostet dein Kind viel mehr Kraft als andere Kinder.

Das fällt auf, wenn die Belastung tiefer sitzt:

  • Dein Kind sagt immer wieder, es sei „nicht gut genug“ oder könne nicht lesen lernen.
  • Es klagt vor dem Lesen regelmäßig über Bauch- oder Kopfschmerzen. Das kann Ausdruck von Stress oder Angst sein. Wenn die Beschwerden häufig auftreten, lass sie zusätzlich ärztlich abklären.
  • Es zieht sich von der Schule insgesamt zurück, wirkt passiv und desinteressiert, obwohl es vorher neugierig war.
  • Es flüchtet in Dinge, die es kontrollieren kann, etwa Computer, Fernsehen oder Spielzeug. Dort erlebt es endlich Erfolg und fühlt sich nicht klein.

Wenn du mehrere dieser Zeichen erkennst, ist es Zeit zu handeln. Ständige Misserfolge können in einen Teufelskreis führen, aus dem Familien allein oft schwer wieder herauskommen. Sie belasten nicht nur das Kind, sondern die ganze Familie.

„Erfolg kommt nicht durch Druck, sondern durch die richtige Unterstützung und die richtige Strategie.“

— Mio Lindner

Wie kann ich mein Kind beim Lesenlernen zu Hause unterstützen?

Du musst kein Lehrer sein. Du musst vor allem dafür sorgen, dass Lesen für dein Kind kein Kampf wird.

Das hilft im Alltag

  • Ein ruhiger, gemütlicher Platz. Ohne Ablenkung, vielleicht mit einer kleinen Leseecke, in der auch Kuscheln Platz hat.
  • Feste Lesezeiten. Wenn Lesen zur Gewohnheit wird, nimmt das Druck aus der Situation.
  • Gemeinsam lesen. Lest abwechselnd oder laut vor. So bleibt Lesen etwas, das ihr zusammen macht.
  • Bücher, die zu deinem Kind passen. Alter und Interessen zählen mehr als Anspruch. Gerade am Anfang schlägt Interesse die Schwierigkeit.
  • Kleine Erfolge feiern. Jeder Schritt zählt, auch der kleine. Das stärkt das Selbstvertrauen.
  • Apps als Ergänzung. Interaktive Apps können Abwechslung und zusätzliche Motivation bringen. Sie ersetzen aber keine gezielte Förderung.
  • Geduld. Lesenlernen braucht Zeit. Geh in kleinen Schritten vor und vermeide Überforderung.

Wenn dein Kind noch nicht zur Schule geht

Schon vor der Schule kannst du spielerisch üben, Laute in Wörtern zu hören. Fachleute nennen das phonologische Bewusstheit. Gemeint sind Hörspiele, Reime und das Zerlegen von Wörtern in Silben. Ein bekanntes Programm dafür ist „Hören, lauschen, lernen“, ein Sprachspiel-Programm für Kinder im Vorschulalter (Küspert & Schneider, 2008). Du brauchst dafür keine Vorkenntnisse, aber ein Buch oder Programm gibt dir einen roten Faden.

Wofür Üben zu Hause nicht reicht

Wenn dein Kind trotz regelmäßigem Üben nicht vorankommt, liegt das nicht an dir und nicht an zu wenig Einsatz. Dann braucht es eine gezielte Förderung. Eine Auswertung von 22 randomisierten Studien bei Kindern und Jugendlichen mit Lesestörung hat gezeigt: Nur das systematische Training von Buchstaben und Lauten (englisch „phonics“) war statistisch gesichert wirksam. Bei den anderen untersuchten Ansätzen, etwa Farbfolien, Hörtraining oder Medikamenten, ließ sich keine gesicherte Wirkung nachweisen (Galuschka et al., 2014). Förderprogramme, die ausschließlich das wiederholte Lesen ganzer Wörter üben und Wörter nicht in kleinere Einheiten zerlegen, sollen laut S3-Leitlinie nicht eingesetzt werden, weil ihre Wirksamkeit nicht bestätigt werden kann (AWMF, o. J.). Das Lesen und Vorlesen zu Hause bleibt wichtig, es ersetzt aber keine gezielte Förderung.

Was das für dich bedeutet, steht im nächsten Abschnitt.

Wann sollte ich mir Hilfe holen?

Früher, als du vielleicht denkst. Du musst nicht warten, bis die Noten schlecht sind oder dein Kind das Lesen hasst.

Hol dir Unterstützung, wenn …

  • dein Kind über einen längeren Zeitraum trotz regelmäßigem Üben nicht vorankommt,
  • das Lesen dein Kind belastet, also Ausweichen, Tränen, Bauchschmerzen oder ein sinkendes Selbstbild,
  • Lehrkräfte dir Auffälligkeiten zurückmelden. Das ist ein Hinweis, aber nie der einzige,
  • in der Familie schon Legasthenie / LRS vorkommt. Ist ein Elternteil betroffen, wird in der Fachliteratur ein Wiederholungsrisiko von 40 bis 46 Prozent für das Kind genannt (Grimm, 2025). Das ist ein Risiko, kein Schicksal (Lenhard, 2025).

Das sind die nächsten Schritte:

  1. Sehen und Hören abklären lassen. Bevor von einer Lese-Rechtschreibstörung gesprochen wird, müssen unter anderem unbehandelte Seh- oder Hörstörungen ausgeschlossen werden (AWMF, o. J.). Das erledigt in der Regel die Kinderärztin oder der Kinderarzt.
  2. Mit der Lehrkraft sprechen. Frag, wie sie das Lesen deines Kindes im Unterricht erlebt. Verlass dich aber nicht allein auf ihre Einschätzung. Auch Lehrkräfte können sich irren und raten manchmal zum Abwarten, obwohl dein Kind Unterstützung braucht.
  3. Wenn du Klarheit willst: eine Diagnose. Die medizinische Diagnose stellen Fachärztinnen und Fachärzte oder Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten. Wie das abläuft, steht unter Legasthenie-Test für Kinder: So läuft die Diagnose ab.
  4. Förderung beginnen. Du musst dafür nicht auf eine Diagnose warten. Eine Lerntherapie setzt dort an, wo dein Kind gerade steht.

Wenn du unsicher bist, ob bei deinem Kind mehr dahintersteckt als eine vorübergehende Leseschwäche: Lass uns das in einem kostenlosen, unverbindlichen Erstgespräch gemeinsam anschauen.

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(Die Buchung läuft über das Duden Institut International-Online, das ich selbst gegründet habe, kein anderer Anbieter.)

Häufige Fragen

Ab wann sollte ich mir Sorgen machen?
Wenn dein Kind über einen längeren Zeitraum deutlich mehr Mühe mit dem Lesen hat als gleichaltrige Kinder und dabei zusätzlich Vermeidungsverhalten oder Frust zeigt. Warte dann nicht länger ab, sondern lass genauer hinschauen.

Warum tut sich mein Kind beim Lesen so schwer?
Dafür kann es mehrere Gründe geben. Lesen verlangt, dass Laute, Buchstaben und Bedeutung gleichzeitig zusammenarbeiten. Bei Legasthenie / LRS liegt eine wichtige Ursache in der phonologischen Informationsverarbeitung, also darin, Laute zu unterscheiden, Buchstaben-Laut-Verbindungen zu merken und bekannte Wörter schnell abzurufen (Lenhard, 2025). Vorher müssen andere Ursachen wie unbehandelte Seh- oder Hörstörungen ausgeschlossen werden (AWMF, o. J.). Was bei deinem Kind dahintersteckt, kann nur eine Untersuchung klären. Mehr dazu unter Legasthenie / LRS: Ursachen, Diagnose und Behandlung.

Woran erkenne ich in der 1. Klasse, ob mein Kind eine Leseschwäche hat?
Auffällig ist, wenn dein Kind trotz regelmäßigem Üben kaum vorankommt. Buchstaben und Laute wollen nicht zusammenpassen, auch einfache Wörter bleiben fremd, und das Lesen ist sehr mühsam. Eine ausführliche Liste findest du unter LRS Symptome 1. Klasse.

Kann man eine Leseschwäche schon im Kindergarten erkennen?
Bestätigen lässt sie sich in diesem Alter noch nicht, aber es gibt Hinweise. Fällt es deinem Kind schwer, zu reimen oder Wörter in Silben zu klatschen? Zeigt es kein Interesse an Buchstaben, Stiften oder einer Schreibecke? Fachleute aus Logopädie und Lerntherapie sehen das als Warnsignal, genauer hinzuschauen. Screenings im letzten Kindergartenjahr zeigen ein Risiko, stellen aber keine Diagnose (AWMF, o. J.).

Ab wann kann man eine Lese-Rechtschreibschwäche testen?
Standardisierte Tests für die Lese- und Rechtschreibleistung gibt es ab der 1. Klasse (AWMF, o. J.). Vor der Einschulung sind nur Screenings möglich. Wann eine Diagnose sinnvoll ist, bespricht man am besten mit der Fachperson. Wie sie abläuft, steht unter Legasthenie-Test für Kinder: So läuft die Diagnose ab.

Was ist der Unterschied zwischen Leseschwäche und Legasthenie / LRS?
„Leseschwäche“ ist ein Alltagsbegriff für Kinder, die schlechter lesen, als man erwartet. Legasthenie / LRS meint eine Lese-Rechtschreibstörung. Das ist eine Diagnose, die erst nach einer Untersuchung gestellt wird. Dabei muss unter anderem ausgeschlossen werden, dass unbehandelte Seh- oder Hörstörungen die Ursache sind (AWMF, o. J.). Betroffen sein kann nur das Lesen (isolierte Lesestörung), nur die Rechtschreibung (isolierte Rechtschreibstörung) oder beides. Die drei Formen erkläre ich ausführlich unter Legasthenie / LRS: Nur Rechtschreibschwäche, nur Leseschwäche oder beides?.

Hat Leseschwäche etwas mit ADHS zu tun?
Beide sind eigenständig, treten aber auffällig oft gemeinsam auf. Dann verdeckt das eine gern das andere. Mehr dazu unter ADHS und Legasthenie / LRS: Symptome erkennen und den Zusammenhang verstehen.

Mein Kind vertauscht Buchstaben beim Lesen. Ist das normal?
Auch Kinder ohne Lernschwierigkeiten verwechseln mit etwa sechs Jahren beim Lesen Buchstaben wie „b“ und „d“ (Fischer & Luxembourger, 2022). Gelegentliche Verwechslungen sind also noch kein Grund zur Sorge. Hält es aber über einen längeren Zeitraum an und kommen weitere Anzeichen dazu, etwa mühsames Lesen oder Frust, lass genauer hinschauen.

Wie schnell müssen Erstklässler lesen?
Dafür gibt es keinen festen Wert, an dem du dein Kind messen kannst. In einer Längsschnittstudie mit deutschsprachigen Kindern lag die Lesegeschwindigkeit am Ende der 1. Klasse zwischen 19 und 176 Silben pro Minute (Landerl & Wimmer, 2008, zitiert nach Karageorgos et al., 2019). Das ist eine enorme Spannbreite. Wichtiger als eine Zahl ist, ob dein Kind Fortschritte macht und das Gelesene versteht. Eine genaue Einordnung liefern standardisierte Lesetests, die es ab der 1. Klasse gibt (AWMF, o. J.).

Was kann ich tun, wenn mein Kind nicht lesen will oder kaum vorankommt?
Nimm zuerst den Druck raus. Lest kurz und regelmäßig, wählt Bücher, die zu den Interessen deines Kindes passen, und lest abwechselnd. Wenn dein Kind das Lesen über einen längeren Zeitraum verweigert, dabei weint oder trotz Üben nicht vorankommt, ist das ein Zeichen, genauer hinzuschauen. Dann braucht es eine gezielte Förderung.

Wie lange soll ich mit meinem Kind lesen üben?
Kurz und regelmäßig ist besser als lang und verbissen. In der schulischen Leseförderung sind etwa 15 bis 20 Minuten an mehreren Tagen pro Woche üblich (ISB Bayern; Stiftung Lesen). Wenn dein Kind schon nach wenigen Minuten erschöpft ist, höre früher auf. Ein kurzes, gutes Ende ist mehr wert als eine lange Quälerei.

Helfen Lern-Apps wirklich?
Als Ergänzung ja, gerade weil sie spielerisch motivieren. Sie ersetzen aber keine gezielte Förderung, wenn tatsächlich eine Legasthenie / LRS vorliegt.

Ist Leseschwäche heilbar?
Das hängt davon ab, was dahintersteckt. Eine vorübergehende Leseschwäche kann sich mit Zeit und Unterstützung bessern. Legasthenie / LRS verschwindet dagegen nicht durch eine Behandlung. Sie ist eine andere Art, wie das Gehirn Schriftsprache verarbeitet. Mit der richtigen Förderung kann dein Kind aber sehr gut damit zurechtkommen. Mehr dazu unter Ist Legasthenie / LRS heilbar? Was die Gehirnforschung zeigt.

Mehr zum Thema in meiner Podcastfolge „Lesen lernen & Leseschwäche: Was passiert im Kopf? So kannst du dein Kind UNTERSTÜTZEN!“: Wie Kinder das Lesen im Kopf tatsächlich lernen, welche Modelle das erklären und wie du dein Kind schon vor der Schule und in den ersten Lesejahren unterstützen kannst.

Quellen

  • Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) (o. J.). S3-Leitlinie Diagnostik und Behandlung bei der Lese- und/oder Rechtschreibstörung, Registernummer 028-044. Die Leitlinie wurde seit mehr als 5 Jahren nicht aktualisiert und wird derzeit überarbeitet. register.awmf.org/de/leitlinien/detail/028-044
  • Coltheart, M. (1978; überarbeitet 2005). Modeling Reading: The Dual-Route Approach. In M. J. Snowling & C. Hulme (Hrsg.), The Science of Reading: A Handbook. Volltext (PDF)
  • Fischer, J.-P., & Luxembourger, C. (2022). Typical 6-year-old children’s confusion between “b” and “d” in reading cannot be assimilated to reversal. Reading and Writing, 35. doi.org/10.1007/s11145-022-10290-6
  • Galuschka, K., Ise, E., Krick, K., & Schulte-Körne, G. (2014). Effectiveness of treatment approaches for children and adolescents with reading disabilities: A meta-analysis of randomized controlled trials. PLOS ONE, 9(2), e89900. doi.org/10.1371/journal.pone.0089900
  • Galuschka, K., & Schulte-Körne, G. (2016). Diagnostik und Förderung von Kindern und Jugendlichen mit Lese- und/oder Rechtschreibstörung. Deutsches Ärzteblatt International, 113, 279–286. doi.org/10.3238/arztebl.2016.0279
  • Grimm, T. (2025). Genetik der Legasthenie. In Böttcher, K. & Merkert, A. (Hrsg.), Neurodiversität und Legasthenie in Bildung und Beruf. Nomos, Baden-Baden. Open Access. doi.org/10.5771/9783748963349
  • Karageorgos, P., Müller, B., & Richter, T. (2019). Modelling the relationship of accurate and fluent word recognition in primary school. Learning and Individual Differences, 76. doi.org/10.1016/j.lindif.2019.101779
  • Küspert, P., & Schneider, W. (2008). Hören, lauschen, lernen: Sprachspiele für Kinder im Vorschulalter. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht. hogrefe.com
  • Landerl, K., & Wimmer, H. (2008). Development of word reading fluency and spelling in a consistent orthography: An 8-year follow-up. Journal of Educational Psychology, 100(1), 150–161. doi.org/10.1037/0022-0663.100.1.150
  • Lenhard, W. (2025). Legasthenie – Definition, Ursachen, Diagnostik und Förderung. In Böttcher, K. & Merkert, A. (Hrsg.), Neurodiversität und Legasthenie in Bildung und Beruf, S. 71–81. Nomos, Baden-Baden. Open Access. doi.org/10.5771/9783748963349
  • Morgan, P. L., Farkas, G., Tufis, P. A., & Sperling, R. A. (2008). Are reading and behavior problems risk factors for each other? Journal of Learning Disabilities, 41(5), 417–436. doi.org/10.1177/0022219408321123
  • Scheerer-Neumann, G. (2015). Stufenmodell des Schriftspracherwerbs. Übersicht (PDF, Berlin-Brandenburgischer Bildungsserver)
  • Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung (ISB) Bayern. Lautleseverfahren (Methodenspeicher Lesen). PDF
  • Stiftung Lesen. Außerunterrichtliche Impulse für Klassenstufe 2. PDF