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Jahrelang ist es mir schwergefallen, klar zu sagen, was ich brauche. Nicht weil ich es nicht wusste. Weil ich es nie geübt hatte. Meine eigene Legasthenie / LRS hat mich bis in meine späten Zwanziger zurückhaltend gemacht, gerade in Situationen, in denen ich für mich selbst hätte einstehen müssen. Diese Fähigkeit lässt sich lernen. Und sie beginnt nicht mit großen Reden. Sie beginnt mit kleinen Entscheidungen.
Lieber hören statt lesen? Weiter unten geht es zu meiner Podcastfolge zum Thema.
Warum kleine Entscheidungen so viel bewirken
Die Wahl zwischen der roten und der blauen Jacke. Ob zuerst Mathe drankommt oder erst eine Pause. Das klingt nach Kleinigkeiten. Ist es aber nicht. Jede dieser Mikroentscheidungen ist ein Training für Selbstwirksamkeit, Verantwortungsgefühl und Selbstbewusstsein. Kinder, die entscheiden dürfen, lernen etwas Grundlegendes: Ich zähle. Meine Meinung hat Wirkung. Und ich kann mit den Folgen leben.
Stell dir Entscheidungskraft wie einen Muskel vor. Trainiert ihn niemand, bleibt er schwach. Wird ein Kind mit Entscheidungen überfordert, reißt er. Aber mit alltäglichen Mikroentscheidungen wird er stark, ganz spielerisch: welche Jacke, welches Buch heute Abend, erst Hausaufgaben oder erst Spielen.
Was passiert, wenn Kinder nie entscheiden dürfen
In meiner Lerntherapie sehe ich häufig, wie sehr Kindern diese Übung fehlt.
Beispiel aus der Praxis: Ein achtjähriger Junge in meiner Lerntherapie war es überhaupt nicht gewohnt, selbst zu entscheiden. Ständig fragte er: „Ist das richtig?“ Also fingen wir ganz klein an: Soll ich den Bleistift oder den Füller nehmen? Nach ein paar Wochen fragte er nicht mehr. Er wählte. Und stand dazu.
Entscheidungen zu treffen heißt: Ich bin handlungsfähig. Ich gestalte mit. Ich wachse daran. Genau diese Erfahrung fehlt vielen Kindern, die durch Lernschwierigkeiten ohnehin schon oft das Gefühl haben, den Anforderungen nicht zu genügen. Wenn dein Kind sich selbst nichts mehr zutraut, findest du dazu mehr in „Wenn dein Kind nicht mehr an sich glaubt“.
Struktur geben, ohne die Wahl zu nehmen
Viele Eltern fragen mich: Wie viel Entscheidung ist gut? Wann ist es zu viel? Meine Antwort: Entscheidungsfreiheit bedeutet nicht, dass alles erlaubt ist. Sie bedeutet, dass dein Kind lernt, innerhalb eines sicheren Rahmens Verantwortung zu übernehmen. Gib Struktur, und Wahl innerhalb der Struktur.
Ein Beispiel, das ich Eltern oft mitgebe: Nicht „Willst du Hausaufgaben machen?“ Sondern „Willst du erst Deutsch oder erst Mathe machen?“ Oder: „Möchtest du 10 oder 15 Minuten arbeiten, bevor die Pause kommt?“ Die Aufgabe bleibt. Die Wahl innerhalb der Aufgabe liegt beim Kind.
Beispiel aus der Praxis: Ein Vater erzählte mir einmal: „Ich hab mich nie getraut, meinem Sohn Wahlmöglichkeiten zu geben, aus Angst, er nutzt sie aus.“ Inzwischen sagt er stattdessen: „Du darfst entscheiden, aber du trägst auch mit, was das bedeutet.“ Und plötzlich hatte sein Sohn Lust, Dinge selbst zu regeln.
Wahlfelder finden: worüber dein Kind entscheiden darf
Viele Eltern fühlen sich zwischen zwei Polen gefangen: dem Bedürfnis nach Ordnung und Klarheit auf der einen Seite, dem Wunsch, ein starkes und selbstbewusstes Kind zu erziehen, auf der anderen. Mein Vorschlag: Denke in Wahlfeldern.
Worüber darf dein Kind entscheiden? Kleidung, die Reihenfolge von Aufgaben, die Freizeitgestaltung, einzelne Teilbereiche im Alltag. Worüber entscheidest du (noch)? Schlafenszeiten, Ernährung, Bildschirmzeiten, Schultermine. Es geht nicht um Gleichberechtigung in allem. Es geht um bewusste Freiräume, die mit deinem Kind wachsen dürfen.
Was Selbstbestimmung in der Lerntherapie bewirkt
In meiner Arbeit mit Kindern und Jugendlichen nutze ich genau dieses Prinzip: Ich biete Optionen. Ich lasse entscheiden. Und ich reflektiere gemeinsam die Wirkung.
Beispiel aus der Praxis: Ein Mädchen mit Legasthenie / LRS durfte einmal ihr Lesematerial selbst auswählen. Danach sagte sie: „Wenn ich selber aussuchen darf, dann geb ich mir mehr Mühe.“ Ein Jugendlicher mit Dyskalkulie / Rechenschwäche drückte es so aus: „Ich hab Mathe gehasst, aber wenn ich bestimmen darf, wie ich rangehe, ist es mein Projekt.“
Selbstbestimmung schafft Bindung, Motivation und Stolz. Wenn du möchtest, dass dein Kind Verantwortung übernimmt, musst du ihm erlauben, mitzubestimmen. Nicht alles. Aber etwas. Jeden Tag ein bisschen mehr.
„Ich lege großen Wert darauf, dass meine kleinen Riesen neben dem Erobern der Schriftsprache auch lernen, für sich selbst einzustehen.“
— Mio Lindner
Genau darin liegt für mich die eigentliche Verbindung: Ein Kind, das früh übt, kleine Entscheidungen zu treffen und zu vertreten, fällt es später leichter, auch große Bedürfnisse in Worte zu fassen, wie den Wunsch nach einem Nachteilsausgleich oder das offene Gespräch mit einer Lehrkraft. Mut, für sich selbst einzustehen, wächst nicht über Nacht. Er wächst an genau diesen kleinen, alltäglichen Wahlmomenten. Weitere konkrete Schritte dazu findest du in „5 Mut-Strategien, die bei LRS & Rechenschwäche wirklich helfen“.
Was die Forschung sagt
Dass Autonomie ein Grundbedürfnis ist, gehört zu den am besten erforschten Erkenntnissen der Motivationspsychologie. Die Selbstbestimmungstheorie beschreibt drei psychologische Grundbedürfnisse, die erfüllt sein müssen, damit Menschen sich gesund entwickeln und motiviert handeln: Autonomie, Kompetenz und Zugehörigkeit. Wird das Bedürfnis nach Autonomie dauerhaft übergangen, sinkt nachweislich die intrinsische Motivation, also die Lust, etwas aus eigenem Antrieb zu tun.
Speziell für die Erziehung zeigt eine Übersichtsarbeit zur autonomieunterstützenden Elternschaft: Eltern, die ihren Kindern altersgerechte Wahlmöglichkeiten geben, Gründe für Regeln erklären und die Perspektive des Kindes anerkennen, statt Druck oder Kontrolle einzusetzen, fördern damit nachweislich das Wohlbefinden, die Selbstregulation und die schulische Motivation ihrer Kinder. Autonomieunterstützung bedeutet dabei ausdrücklich nicht Permissivität oder grenzenlose Freiheit, sondern genau die Balance aus Struktur und Wahl, die ich oben beschrieben habe.
Häufige Fragen
Wie viel Entscheidungsfreiheit ist für mein Kind sinnvoll?
So viel, wie es altersgerecht mittragen kann. Fang mit kleinen, klar begrenzten Wahlen an (welche Aufgabe zuerst, welche Kleidung) und erweitere den Rahmen, je souveräner dein Kind damit umgeht.
Was, wenn mein Kind die Wahlmöglichkeit ausnutzt?
Dann ist der Rahmen meist noch zu weit gefasst. Enger stecken, aber die Wahl innerhalb dieses engeren Rahmens bestehen lassen, statt sie ganz zurückzunehmen.
Ab welchem Alter können Kinder schon selbst entscheiden?
Schon sehr früh, im Kleinkindalter mit einfachsten Zwei-Optionen-Wahlen. Die Komplexität der Entscheidungen wächst mit dem Kind mit, das Prinzip bleibt gleich.
Hilft das auch, wenn mein Kind durch Legasthenie / LRS oder Dyskalkulie / Rechenschwäche schon sehr entmutigt ist?
Gerade dann. Kleine, garantiert gelingende Entscheidungen sind ein niedrigschwelliger Einstieg, um verlorenes Selbstvertrauen wieder aufzubauen, bevor größere Erfolgserlebnisse überhaupt möglich sind. Wenn Schule zusätzlich Angst auslöst, findest du mehr dazu in „Schulangst bei LRS oder Rechenschwäche“.
Mehr zum Thema in meiner Podcastfolge „Selbst entscheiden dürfen“: warum Entscheidungsfreiheit so wichtig ist, wie du kindgerecht Wahlmöglichkeiten gibst und wo Grenzen sinnvoll sind.
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(Die Buchung läuft über das Duden Institut International-Online, das ich selbst gegründet habe, kein anderer Anbieter.)
Quellen
Deci, E. L., & Ryan, R. M. (2000). The „what“ and „why“ of goal pursuits: Human needs and the self-determination of behavior. Psychological Inquiry, 11(4), 227–268. doi.org/10.1207/S15327965PLI1104_01
Joussemet, M., Landry, R., & Koestner, R. (2008). A self-determination theory perspective on parenting. Canadian Psychology, 49(3), 194–200. doi.org/10.1037/a0012754

