LRS bei Jugendlichen: Anzeichen erkennen und Nachteilsausgleich nutzen

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Dein Kind ist nicht mehr acht, sondern vierzehn. Vielleicht hat es sich schon Jahre durch die Schule gekämpft, ohne dass jemand das Wort Legasthenie in den Mund genommen hat. Vielleicht war früher alles unauffällig, und erst jetzt, mit mehr Text, mehr Tempo, mehr Druck, bröckelt etwas. Hier erfährst du, woran du Legasthenie / LRS bei Jugendlichen erkennst, was ein Nachteilsausgleich in der Oberstufe oder im Abschlussjahr bringt, und was jetzt wirklich hilft.

Was ist LRS / Legasthenie, und wie zeigt sie sich bei Jugendlichen?

LRS / Legasthenie ist eine anhaltende Schwierigkeit beim Lesen und Schreiben, die nichts mit Intelligenz zu tun hat. Was sie bei Jugendlichen zusätzlich schwer macht: Der Schulalltag wird komplexer, während die Grundschwierigkeit dieselbe bleibt. Mehr Text, mehr Tempo, mehr Fächer, in denen Lesen und Schreiben vorausgesetzt werden. Die vollständige Definition und Hintergründe findest du hier: Was ist eine LRS?

Typische Anzeichen von LRS bei Jugendlichen (Sek I/II)

Bei einem Erstklässler zeigt sich LRS oft deutlich: das leere Blatt, die vertauschten Buchstaben. Bei einem Jugendlichen sind es meist dieselben Anzeichen wie bei jüngeren Kindern (die ausführliche Liste findest du auf LRS Symptome 1. Klasse), aber mit einem entscheidenden Unterschied: Anders als Erwachsene, die im Laufe der Jahre eigene Wege gefunden haben, Schwierigkeiten zu umgehen, haben Kinder und Jugendliche diese Möglichkeit kaum. In der Schule gibt es kein Ausweichen vor Lesen, Schreiben oder Rechnen. Die Schwierigkeiten zeigen sich täglich, unmittelbar, oft vor der ganzen Klasse. Trotzdem entwickeln auch Jugendliche schon erste Vermeidungs- und Kompensationsstrategien: Vermeidungs- und Kompensationsstrategien bei LRS und Rechenschwäche.

Was sich mit dem Alter tatsächlich verändert, zeigt eine Studie des Duden Instituts für Lerntherapie (Huck & Schröder, 2015, PuLs-Studie, N=201): Ältere Kinder und Jugendliche, Klasse 6 bis 12, sind durchgehend stärker psychosozial belastet als jüngere. Ängste, Rückzug, depressive Symptome, Mobbing, Schulvermeidung, mit jeder Klassenstufe mehr. Nicht die Anzeichen selbst verändern sich grundlegend. Was sie im Innenleben anrichten, schon.

Suchst du konkret einen LRS-Test für deinen Jugendlichen? Für eine erste, unverbindliche Einschätzung gibt es meine Kurzanalyse, die nur wenige Minuten dauert. Den vollständigen Ablauf einer echten Diagnose, wer testen darf und was danach passiert, findest du hier: Legasthenie-Test für Kinder: So läuft die Diagnose ab.

Wer darf eine Diagnose stellen, und was gilt, wenn nie getestet wurde?

Eine offizielle ICD-Diagnose dürfen laut AWMF-S3-Leitlinie nur bestimmte Fachärzt:innen und Psychotherapeut:innen stellen, keine Lerntherapeut:innen oder Lehrkräfte. Wurde dein Kind als Kind nie getestet, ist das kein Problem, das sich von selbst erledigt hat, nur weil es jetzt älter ist. Den vollständigen Ablauf einer Diagnose erkläre ich hier: Legasthenie-Test für Kinder: So läuft die Diagnose ab.

Was ein Nachteilsausgleich in der Schule bringt und warum er jetzt besonders zählt

Gerade in Sek I und II, mit Klausuren, Prüfungen und dem näher rückenden Abschluss, kann ein Nachteilsausgleich den Unterschied machen: zum Beispiel mehr Zeit oder Hilfsmittel.

Wichtig zu wissen, gerade bei Abschlussprüfungen: Nicht die Schule allein entscheidet. In NRW zum Beispiel läuft der Antrag für die zentrale Abiturprüfung über die Schulleitung an die obere Schulaufsichtsbehörde, die dann entscheidet (APO-GOSt). Aber das ist ein Beispiel, kein bundesweiter Standard: Nachteilsausgleich ist Ländersache. Jedes Bundesland hat eigene Erlasse, mit teils erheblichen Unterschieden. Der Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie (BVL) bietet dazu Beratung und Informationen für dein konkretes Bundesland an.

Ein Zeugnisvermerk bei Nichtbewertung einzelner Leistungen, also Notenschutz, ist laut Bundesverfassungsgericht (Urteil vom 22.11.2023, Az. 1 BvR 2577/15, 1 BvR 2578/15, 1 BvR 2579/15) grundsätzlich zulässig, muss aber gleichmäßig für alle behinderungsbedingten Nichtbewertungen gelten, nicht nur bei Legasthenie. Der reine Nachteilsausgleich, zum Beispiel Zeitzugabe, zieht dagegen keinen Zeugnisvermerk nach sich.

Sams Geschichte

„Mehr als Regal einräumen wird wohl nicht drin sein.“ So beschrieb Sam, ein Jugendlicher, den ich begleitet habe, seine berufliche Zukunft, als ich ihn kennenlernte. Dabei konnte er fantastisch mit Menschen umgehen, war empathisch, konnte Konflikte ruhig befrieden, und wollte am liebsten mit Menschen arbeiten. Doch Sam traute sich nicht einmal den Schulabschluss zu: „Egal, was ich mir aussuchen würde, ich würde es nicht schaffen.“ Sam hatte eine ausgeprägte Lese-Rechtschreib- und Rechenschwäche sowie eine langsame Verarbeitungsgeschwindigkeit. Sein Selbstwertgefühl war so angegriffen, dass er sich selbst schon abgeschrieben hatte, bevor überhaupt jemand anderes es tat.

Mehr Geschichten wie diese findest du in meinem Buch „Umty“.

Häufige Fragen zu LRS bei Jugendlichen

Ist es zu spät, meinen Jugendlichen noch testen zu lassen?
Nein. Eine Diagnose hilft in jedem Alter, gezielt zu fördern und Unterstützung zu bekommen.

Wächst sich LRS in der Pubertät aus?
Nein. Eine Langzeitstudie, die Achtjährige mit LRS bis zum Alter von 25 begleitet hat (Esser, Wyschkon & Schmidt, 2002), zeigt: Die Schwierigkeiten bleiben in den allermeisten Fällen bestehen. Warum das so ist und was die Gehirnforschung dazu zeigt: Ist Legasthenie / LRS heilbar? Was die Gehirnforschung zeigt.

Bekommt mein Kind einen Nachteilsausgleich für Abschlussprüfungen?
Grundsätzlich ja, aber die genaue Umsetzung regelt jedes Bundesland unterschiedlich, siehe oben.

Was, wenn mein Kind selbst nicht (mehr) will?
Häufig, gerade in der Pubertät. Meine Erfahrung: Nicht drängen, sondern richtig zuhören, wirklich hinhören. Was oft hilft: Kontakt zu anderen mit denselben Hindernissen, und zu Erwachsenen, die diese Hindernisse selbst kennen und trotzdem ihren Weg gegangen sind. Andere Lebenswege kennenlernen öffnet oft mehr als jeder Druck. Sozialer Austausch mit Menschen in ähnlicher Lage wirkt nachweislich stressabfedernd (Cohen & Wills, 1985). In meinem Podcast „Potenzialfrei!?“ spreche ich mit genau solchen Menschen, die ihren eigenen Weg gegangen sind, vielleicht ein guter Einstieg für deinen Jugendlichen.

Wie geht es nach der Diagnose weiter?

Nach der Diagnose folgt kein Standardprogramm, sondern ein individueller Förderplan, abgestimmt auf die konkreten Schwierigkeiten deines Jugendlichen. Welche Behandlungsmöglichkeiten es gibt, erfährst du ausführlich hier: Legasthenie / LRS: Ursachen, Diagnose und Behandlung.

Quellen