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Dein Kind kämpft beim Lesen oder Schreiben, und du fragst dich: Ist das Legasthenie / LRS? Der erste Impuls vieler Eltern ist, online einen „Legasthenie-Test“ zu suchen. Verständlich — aber ein einzelner Fragebogen ersetzt keine standardisierte Diagnose nach ICD. Was eine echte Diagnose tatsächlich bedeutet, wie der Prozess abläuft und was danach passiert, erkläre ich hier.
Was bedeutet „Diagnose Legasthenie“ eigentlich?
Die Diagnose von Legasthenie / LRS braucht standardisierte Testverfahren — keine Checkliste, so hilfreich die zur ersten Einordnung auch sein kann. Anders als früher schaut die moderne Diagnostik dabei nicht mehr zwingend auf eine Lücke zwischen IQ und Leseleistung, sondern darauf, ob ein Kind zu den schwächsten rund 7 % seiner Altersgruppe gehört (Lenhard, 2025). Insgesamt sind kombiniert etwa 8 % aller Kinder betroffen, mit isolierter Rechtschreibstörung bei rund 7 % und isolierter Lesestörung bei rund 6 % (Galuschka & Schulte-Körne, 2016).
Wer darf die Diagnose stellen – und wie läuft sie ab?
Eine Diagnose nach ICD darf ausschließlich eine Fachärztin oder ein Facharzt stellen — in der Praxis meist für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie, alternativ Fachärzte für Kinder- und Jugendmedizin oder ein:e Psychologische:r Psychotherapeut:in bzw. Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut:in. Lerntherapeutinnen, Lehrkräfte oder andere pädagogische Fachkräfte können und dürfen keine Diagnose nach ICD stellen — das ist gesetzlich den approbierten Heilberufen vorbehalten (AWMF, S3-Leitlinie 028-044).
Die Diagnostik ist dabei eine Ausschlussuntersuchung: Bevor Legasthenie / LRS festgestellt wird, muss die Fachperson ausschließen, dass die Schwierigkeiten stattdessen andere Ursachen haben — etwa eine allgemeine Intelligenzminderung, eine allgemeine Entwicklungsverzögerung, eine unkorrigierte Seh- oder Hörstörung, unzureichende Beschulung oder eine psychische, neurologische oder motorische Störung (AWMF S3-Leitlinie 028-044). Erst wenn all das ausgeschlossen ist und die Lese- und/oder Rechtschreibleistung trotzdem deutlich unter dem zu erwartenden Niveau liegt, steht die Diagnose.
Manche Kinder liegen mit ihren Testergebnissen nur knapp über dieser Schwelle. Sie bekommen dann keine offizielle Diagnose — das heißt aber nicht, dass sie weniger Schwierigkeiten haben, sondern nur, dass ihnen der Zugang zu den offiziell diagnosegebundenen Unterstützungsangeboten fehlt.
Für die eigentliche Leistungsmessung kommen standardisierte Testverfahren zum Einsatz — je nach Alter zum Beispiel:
- Vorschulalter: Verfahren wie das Würzburger Screening „Laute, Reime, Sprache“ prüfen die phonologische Bewusstheit, also die Fähigkeit, Laute in Wörtern zu erkennen und zu unterscheiden — einer der stärksten Frühindikatoren (Lenhard, 2025).
- Schulalter: Verfahren wie ELFE (Leseverständnis/-geschwindigkeit), die Hamburger Schreibprobe (HSP) oder das Salzburger Lese-Screening (SLRT II) prüfen Lese- und Rechtschreibleistung im Vergleich zur Altersgruppe.
Am Ende steht ein Ergebnis, das einordnet, wo dein Kind im Vergleich zur Altersgruppe steht, und woraus sich konkrete Fördermaßnahmen ableiten lassen.
Förderdiagnostik oder medizinische Diagnose — was brauchst du wirklich?
Hier herrscht oft Verwirrung, deshalb einmal klar getrennt:
- Förderdiagnostik stellt fest, wo genau die Schwierigkeiten liegen. Das kann eine qualifizierte Lerntherapeutin oder ein Lerntherapeut übernehmen — auch online, kein Facharzttermin nötig.
- Medizinische Diagnose nach ICD — wer sie stellen darf und wie sie abläuft, steht oben. Sie ist etwas anderes als die Förderdiagnostik und ist z. B. Grundlage für Anträge auf Förderung, Nachteilsausgleich (NTA) oder Notenschutz in der Schule.
Was passiert nach dem Test?
Für viele Eltern ist das Ergebnis erst einmal vor allem eins: Klarheit. Die Ungewissheit bekommt einen Namen — die Diagnose nach ICD zeigt, ob eine Legasthenie / LRS vorliegt. Wichtig zu wissen: Eine solche Diagnose ist kein Stempel fürs Leben — sie gilt in der Praxis meist nur rund zwei Jahre und wird danach hinfällig, weil sie nur den aktuellen Entwicklungsstand deines Kindes abbildet. Das heißt nicht, dass der Weg für dein Kind damit vorbestimmt ist: Es ist möglich, gezielt zu unterstützen. Die Diagnose ist der Ausgangspunkt für einen Antrag auf Nachteilsausgleich (NTA) oder Notenschutz in der Schule. Entscheidest du dich für eine Lerntherapie, ist außerdem möglicherweise eine Förderung über das Jugendamt (§ 35a SGB VIII) möglich.
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(Die Terminbuchung läuft über das Duden Institut für Lerntherapie International Online.)
Häufige Fragen
Kann ich die Diagnose auch online machen lassen?
Das kommt darauf an, welche Diagnose gemeint ist: Die Förderdiagnostik läuft bei uns komplett online, mit denselben Verfahren wie vor Ort. Die medizinische Diagnose nach ICD kann dagegen nicht online gestellt werden.
Ab welchem Alter ist eine Diagnose sinnvoll?
Hier gehen die Meinungen auseinander. Die von der Leitlinie empfohlenen Testverfahren sind selbst nach Klassenstufe gestaffelt und beginnen bereits ab der 1. Klasse (z. B. ELFE 1-6, DERET 1-2, HSP 1-10, WRT 1+). In der Praxis heißt es aber häufig, eine verlässliche Diagnose sei erst ab der 2. Klasse möglich (so z. B. Lenhard, 2025) — teils wird sogar erst die 3. Klasse empfohlen. Vorschulische Screenings wie das Würzburger Screening „Laute, Reime, Sprache“ können erste Risikohinweise liefern, erfüllen aber laut Leitlinie nicht die Kriterien eines vollständigen diagnostischen Verfahrens — sie ersetzen also keine Diagnose.
Ersetzt ein Online-Fragebogen die Diagnose?
Nein — weder beim Facharzt noch bei der Förderdiagnostik. Ein Fragebogen kann einen ersten Verdacht einordnen helfen. Auch die Förderdiagnostik zeigt schon, wo dein Kind aktuell steht, ersetzt aber ebenfalls keine Diagnose nach ICD — die kann ausschließlich eine Fachärztin oder ein Facharzt stellen.
Brauche ich für den Nachteilsausgleich in der Schule eine ärztliche Diagnose?
Das lässt sich nicht pauschal beantworten — das hängt vom Bundesland ab. Im Zweifel hilft die Nachfrage bei der Schule oder dem zuständigen Kultusministerium weiter.
Mehr zum Thema in meiner Podcastfolge „Soll ich mein Kind auf LRS testen lassen?“ — warum die Sorge vor einem „Stempel“ oft unbegründet ist und was eine standardisierte Diagnose konkret bedeutet.
Quellen
- Galuschka, K., & Schulte-Körne, G. (2016). Diagnostik und Förderung von Kindern und Jugendlichen mit Lese- und/oder Rechtschreibstörung. Deutsches Ärzteblatt International, 113, 279–286. https://doi.org/10.3238/arztebl.2016.0279
- Lenhard, W. (2025). Legasthenie – Definition, Ursachen, Diagnostik und Förderung. In Böttcher, K. & Merkert, A. (Hrsg.), Neurodiversität und Legasthenie in Bildung und Beruf: Herausforderungen verstehen, Ressourcen nutzen, Potenziale entfalten (Managementkonzepte, Bd. 41), S. 71–81. Nomos, Baden-Baden. Open Access (CC BY 4.0). DOI: https://doi.org/10.5771/9783748963349
- Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF). S3-Leitlinie Diagnostik und Behandlung bei der Lese- und/oder Rechtschreibstörung, Registernummer 028-044, Langfassung, insb. Prämisse S. 5–6, Abschnitt 4.1.2–4.1.3 S. 29–33 (seit über 5 Jahren nicht aktualisiert, aktuell in Überarbeitung). https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/028-044



