Inhaltsverzeichnis
Du liest langsamer als andere. Schreibst lieber kurze Nachrichten statt langer E-Mails. Hast dir angewöhnt, laut vorzulesen zu vermeiden, wo es geht. Und irgendwo in dir sitzt die Frage: Ist das einfach so, oder steckt mehr dahinter?
Legasthenie / LRS ist angeboren. Sie verschwindet nicht mit der Pubertät, sie „verwächst“ sich nicht von selbst. Eine der bekanntesten deutschen Langzeitstudien hat das über 17 Jahre hinweg verfolgt: Kinder mit LRS hatten mit 25 Jahren seltener einen guten Schulabschluss, waren häufiger arbeitslos und zeigten mehr psychische Belastungen als eine Vergleichsgruppe ohne LRS. Beim Selbstbild gab es dabei kaum Unterschiede (Esser, Wyschkon & Schmidt, 2002). Die zugrunde liegende Schwierigkeit bleibt also bestehen, auch wenn sie sich mit den Jahren anders zeigt. Trotzdem bleibt Legasthenie / LRS bei sehr vielen Erwachsenen unentdeckt. Hier erfährst du, warum das so ist, woran du sie bei dir selbst erkennen kannst und was wirklich hilft, wenn du jetzt etwas verändern willst.
Was ist Legasthenie / LRS bei Erwachsenen eigentlich?
Legasthenie / LRS betrifft nach Schätzungen des Bundesverbands Legasthenie und Dyskalkulie 3 bis 8 von 100 Kindern und Erwachsenen in Deutschland: umgerechnet 3,3 bis 9,9 Millionen Menschen (Böttcher & Venz, 2025). Ein großer Teil davon sind Erwachsene, die nie eine Diagnose bekommen haben.
Das liegt nicht daran, dass Legasthenie im Erwachsenenalter seltener wird. Sie verändert nur ihre Form. Aus „ich lese langsam vor der Klasse“ wird „ich vermeide Präsentationen“. Aus „ich schreibe Diktate schlecht“ wird „ich lasse jede wichtige E-Mail von jemand anderem gegenlesen“. Die zugrunde liegende Schwierigkeit bleibt, die Strategien drumherum werden nur unsichtbarer.
Warum bleibt sie bei so vielen Erwachsenen unentdeckt?
Wer als Kind durchs Raster gefallen ist, findet fast immer eigene Wege, das zu verbergen. Kluge Umwege, Auswendiglernen statt Lesen, ein gutes Gedächtnis, das über Jahre die eigentliche Lücke überdeckt. „Nie getestet“ heißt eben nicht „nicht betroffen“.
Eine aktuelle Studie mit Erwachsenen, die ihre Legasthenie selbst erkannt, aber nie formell diagnostiziert bekommen haben, zeigt einen der häufigsten Gründe dafür: die Kosten einer Diagnostik. Viele scheuen den Aufwand und die Ausgabe für einen Facharzttermin, wenn der Alltag auch so irgendwie funktioniert (Stark & Johnson, 2025). Dazu kommt: Ob die Diagnose früh oder erst spät gestellt wird, macht laut derselben Studie kaum einen Unterschied für das grundsätzliche Gefühl, damit zu leben. Entscheidend ist etwas anderes: Wer zusätzlich zur Legasthenie mit weiteren Schwierigkeiten kämpft, etwa Konzentrationsproblemen, erlebt sie deutlich häufiger als belastend als jemand, bei dem sie „nur“ für sich steht (Stark & Johnson, 2025).
Viele der befragten Erwachsenen beschrieben sich in der Studie selbst mit Wörtern wie „dumm“, „faul“ oder „Versagerin“. Nicht weil das stimmt. Sondern weil ihnen nie jemand den eigentlichen Grund genannt hat.
Woran erkennst du es bei dir selbst?
Ein Selbsttest ersetzt keine Diagnose, aber diese Muster kommen bei Erwachsenen mit Legasthenie / LRS immer wieder vor:
- Lesen kostet dich sichtbar mehr Kraft und Zeit als anderen, auch wenn du den Inhalt verstehst.
- Du entwickelst Vermeidungsstrategien: laut vorlesen, Präsentationen, handschriftliche Notizen vor anderen.
- Rechtschreibung bleibt unsicher, trotz jahrelanger Übung, trotz guter Bildung.
- Du liest lieber zweimal, statt einmal genau zu lesen, weil dir sonst Details verloren gehen.
- Im Job wählst du Aufgaben und manchmal ganze Berufe so, dass Lesen und Schreiben möglichst wenig Rolle spielen, siehe dazu auch LRS im Job: Nachteilsausgleich und Tipps für erwachsene Menschen mit Legasthenie.
Eine systematische Übersichtsarbeit zu Legasthenie und Arbeit fand über 300 einzelne Faktoren, die beeinflussen, wie gut das im Berufsleben gelingt, von der Arbeitsumgebung bis zur eigenen Bewältigungsstrategie (de Beer et al., 2014). Kurz gesagt: Wie stark sich Legasthenie im Alltag zeigt, hängt nicht nur von dir ab, sondern auch davon, wie viel Nachteilsausgleich, Verständnis und Hilfsmittel dein Umfeld zulässt.
Willst du diese Muster für dich selbst einordnen? Eine erste, unverbindliche Einschätzung dazu gibt dir der Kurz-Check „Legasthenie-Test für Erwachsene: Was zeigt er, was bringt er?“ (kein Diagnoseverfahren).
Was wirklich hilft: Lerntherapie für Erwachsene
Eine Lerntherapie ist nicht nur etwas für Kinder. Bei Erwachsenen setzt sie an derselben Stelle an: erst eine Förderdiagnostik, die genau zeigt, wo deine Schwierigkeiten liegen, dann ein gezieltes Training, das darauf aufbaut statt bei null anzufangen.
Anders als in der Schule geht es bei Erwachsenen selten um Notenschutz. Es geht darum, konkrete Situationen leichter zu machen: eine Fortbildung ohne Angst vor dem Test am Ende, eine berufliche Weiterbildung, eine E-Mail, die du ohne dreimaliges Gegenlesen abschickst.
Die integrative Lerntherapie, die ich anbiete, läuft komplett online, im Einzel-Setting, unabhängig davon, wo du lebst. Wenn du zusätzlich einen offiziellen Nachweis brauchst, zum Beispiel für einen Nachteilsausgleich in Studium oder Beruf, ordnen wir das im Erstgespräch ein.
Stärken erkennen: Was Legasthenie nicht bedeutet
Legasthenie sagt nichts über Intelligenz. Das ist längst belegt, wird aber trotzdem oft anders erlebt. Eine Studie unter Unternehmerinnen und Unternehmern fand sogar eine deutlich höhere Legasthenie-Rate als in der Gesamtbevölkerung, gemeinsam mit Bewältigungsstrategien, die im Berufsleben zum Vorteil werden: Aufgaben früh zu delegieren, gehörte dazu (Logan, 2009).
Das heißt nicht, dass Legasthenie keine echte Schwierigkeit ist. Aber sie ist auch kein Deckel auf deinem Potenzial. Viele der Strategien, die du dir selbst beigebracht hast, um durchzukommen, sind genau die Stärken, auf die eine gute Lerntherapie aufbaut, statt sie zu ignorieren.
Wenn du wissen willst, wie andere Erwachsene ihren eigenen Weg mit Legasthenie / LRS gefunden haben, findest du in meinem Podcast echte Gespräche dazu: Playlist „Lebenswege von Menschen mit LRS“ ansehen →
Kostenloses Erstgespräch jetzt buchen →
(Die Terminbuchung läuft über das Duden Institut für Lerntherapie International-Online.)
Häufige Fragen
Lohnt sich eine Lerntherapie noch im Erwachsenenalter?
Ja. Es gibt kein „dafür ist es zu spät“. Ein Gehirn im Erwachsenenalter kann noch neue Lese- und Schreibstrategien aufbauen. Der Ansatz ist gezielter als in der Schule, weil er auf deinen konkreten Alltag zugeschnitten wird.
Brauche ich zuerst eine offizielle Diagnose?
Nein. Für eine Lerntherapie reicht die Förderdiagnostik, die zeigt, wo genau deine Schwierigkeiten liegen. Eine Diagnose nach ICD brauchst du nur, wenn du sie nachweisen musst, etwa für einen Nachteilsausgleich. Mehr dazu in „Legasthenie-Test für Erwachsene“.
Woran erkenne ich bei mir selbst, ob mehr dahintersteckt?
Anhaltende Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben trotz guter Bildung, hoher Zeitaufwand, Vermeidungsstrategien im Alltag und im Job: siehe die Liste oben. Eine sichere Einschätzung gibt dir am Ende aber immer nur ein Gespräch oder ein Test, kein einzelnes Anzeichen für sich.
Was, wenn ich als Kind nie auffällig war?
Das ist häufiger, als viele denken. Wer gut kompensieren konnte oder wo Schule und Elternhaus die Anzeichen anders gedeutet haben, wird oft nie getestet, obwohl die Schwierigkeiten schon da waren.
Kostet mich das als Erwachsene:r etwas anderes als bei Kindern?
Der Ablauf ist derselbe: Erstgespräch, Förderdiagnostik, individueller Therapieplan. Die genauen Kosten und ob eine Förderung infrage kommt, klären wir gemeinsam im kostenlosen Erstgespräch.
Quellen
- Esser, G., Wyschkon, A., & Schmidt, M. H. (2002). Was wird aus Achtjährigen mit einer Lese- und Rechtschreibstörung? Ergebnisse im Alter von 25 Jahren. Zeitschrift für Klinische Psychologie und Psychotherapie, 31, 235–242. https://doi.org/10.1026/0084-5345.31.4.235
- Stark, Z., & Johnson, A. P. (2025). Understanding the experience of adults with dyslexia: a quantitative and qualitative analysis. Annals of Dyslexia, 76(1), 67–93. https://doi.org/10.1007/s11881-025-00336-z
- de Beer, J., Engels, J., Heerkens, Y., & van der Klink, J. (2014). Factors influencing work participation of adults with developmental dyslexia: a systematic review. BMC Public Health, 14, 77. https://doi.org/10.1186/1471-2458-14-77
- Böttcher, K., & Venz, L. (2025). Legasthenie am Arbeitsplatz: Psychosoziale Herausforderungen und Wege zu mehr Inklusion. In Böttcher, K. & Merkert, A. (Hrsg.), Neurodiversität und Legasthenie in Bildung und Beruf (Managementkonzepte, Bd. 41), S. 337–353. Nomos, Baden-Baden. Open Access. https://doi.org/10.5771/9783748963349
- Logan, J. (2009). Dyslexic entrepreneurs: the incidence, their coping strategies and their business skills. Dyslexia, 15(4), 328–346. https://doi.org/10.1002/dys.388
