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„Mit einer Legasthenie schaffst du das nicht.“ Diesen Satz kenne ich gut. Man sagte mir voraus, ich würde die Mittlere Reife kaum schaffen, dann die 11. Klasse nicht, dann das Abitur nicht.
Ich habe selbst eine Legasthenie / LRS. Und ich habe trotzdem in England studiert: Bachelor in Creative Writing, Master in Research and Transnational Writing. Meine ganze Geschichte dazu erzähle ich ausführlicher auf meiner Über-mich-Seite.
Hier geht es um die Frage dahinter, die viel häufiger gestellt wird, als man denkt: Schließt eine Legasthenie / LRS bei deinem Kind das Erlernen einer Fremdsprache grundsätzlich aus? Nein. Aber es lohnt sich, genauer hinzuschauen, warum es trotzdem schwerer fallen kann, und was wirklich hilft.
Lieber hören statt lesen? Weiter unten geht es zu meinem Video „Menschen mit LRS / Legasthenie können Fremdsprache erlernen!“.
Was hinter der Schwierigkeit wirklich steckt
Legasthenie / LRS zeigt sich bei deinem Kind nicht nur in der Muttersprache. Das liegt nicht daran, dass eine Fremdsprache grundsätzlich unerreichbar wäre, sondern an etwas Grundlegenderem: Beim Erlernen einer neuen Sprache braucht dein Kind dieselben Fähigkeiten, die ihm auch beim Lesen und Schreiben in der Muttersprache schwerfallen. Vor allem die phonologische Verarbeitung, also die Fähigkeit, Laute zu unterscheiden, sie Buchstaben zuzuordnen und sich diese Verbindungen zu merken.
Die Forscher Ganschow, Sparks und Javorsky haben das in ihrer „Linguistic Coding Differences Hypothesis“ zusammengefasst: Schwierigkeiten beim Fremdsprachenlernen hängen häufig mit denselben sprachlichen Verarbeitungsprozessen zusammen, die auch einer Legasthenie / LRS in der Erstsprache zugrunde liegen. Das erklärt, warum das Fremdsprachenlernen bei einer Legasthenie / LRS oft mehr Anstrengung kostet.
Wichtig dabei: Wie stark sich das zeigt, hängt auch von der Sprache selbst ab. Eine bekannte Studie mit Legasthenikern aus Italien, Frankreich und England zeigt: Die zugrunde liegende neurologische Verarbeitung ist bei allen gleich beeinträchtigt. Aber wie stark sich das beim Lesen bemerkbar macht, hängt von der Schriftsprache ab. Italienisch schreibt sich viel lautgetreuer als Englisch. Legastheniker mit italienischer Muttersprache lesen deshalb deutlich besser als Legastheniker mit englischer oder französischer Muttersprache, obwohl ihr Gehirn dieselbe Auffälligkeit zeigt. Das erklärt, warum dein Kind in einer Sprache große Schwierigkeiten haben kann und in einer anderen kaum, je nachdem, wie lautgetreu diese Sprache geschrieben wird.
Bei Schriftsystemen, die noch weiter auseinanderliegen, zeigt sich das noch deutlicher. Eine Studie mit chinesisch-englisch zweisprachigen Kindern fand: Nur rund 36 Prozent der Kinder mit Leseschwierigkeiten im Chinesischen hatten gleichzeitig auch Leseschwierigkeiten im Englischen. Die meisten also nicht. Chinesisch nutzt ein völlig anderes Schriftsystem als das lateinische Alphabet, mit anderen Anforderungen an Gedächtnis und visuelle Verarbeitung. Eine Einzelfallstudie mit einem koreanisch-japanisch zweisprachigen Jungen zeigt denselben Effekt sogar innerhalb einer Sprachfamilie: Er las auf Koreanisch unauffällig, hatte aber deutliche Schwierigkeiten mit den japanischen Kanji-Schriftzeichen, weil dafür eine visuelle Verarbeitungsfähigkeit gebraucht wird, die dem Koreanischen kaum abverlangt wird. Genau das erklärt, warum dein Kind mit einer Legasthenie / LRS in einer Sprache mit ungewohntem Schriftsystem sogar unerwartet gut zurechtkommen kann.
Aber: Mehr Anstrengung heißt nicht unmöglich. Genau das habe ich an mir selbst erlebt, als Kind mit Legasthenie / LRS. Am effektivsten war für mich, die Sprache dort zu lernen, wo sie gesprochen wird. Der ständige Kontakt im Alltag half mir, Hemmungen abzubauen und meine Fähigkeiten viel schneller zu verbessern, als es im klassischen Unterricht je der Fall war.
Was tatsächlich hilft
Am wichtigsten ist, wie deinem Kind eine Fremdsprache vermittelt wird. Klassischer Unterricht, der stark auf isoliertem Vokabellernen und Grammatikregeln beruht, ist bei einer Legasthenie / LRS oft besonders mühsam. Hilfreicher sind multisensorische Methoden: mehrere Sinne gleichzeitig einbeziehen, statt nur stumpf auswendig zu lernen.
Konkret kann das heißen: Neue Wörter nicht nur lesen lassen, sondern gleichzeitig aussprechen, aufschreiben und im echten Gespräch benutzen lassen, statt sie nur stumm pauken zu lassen. Aus meiner Praxis weiß ich: Kinder, die Vokabeln mündlich aktiv nutzen statt sie nur passiv zu lernen, behalten sie deutlich besser. Auch gezieltes Hörverständnis-Training hilft ungemein. Mach deinem Kind Muster und Regelmäßigkeiten der Sprache bewusst, statt sie stillschweigend vorauszusetzen. Und schaff echten Sprachkontakt, im Gespräch, in Medien, im Alltag, nicht nur am Schreibtisch. Plane genug Zeit ein: Was bei anderen Kindern in einem Jahr sitzt, darf bei deinem Kind auch zwei brauchen. Das sagt nichts über seine Fähigkeit aus.
„Eine Legasthenie verändert, wie dein Kind eine Sprache lernt. Nicht, ob es sie lernen kann.“
— Mio Lindner
In meinem Video „Menschen mit LRS / Legasthenie können Fremdsprache erlernen!“ erzähle ich mehr aus eigener Erfahrung.
Häufige Fragen
Schließt eine Legasthenie / LRS das Erlernen einer Fremdsprache für mein Kind aus?
Nein. Es kann mehr Anstrengung kosten, aber es ist möglich. Ich habe selbst eine Legasthenie / LRS und heute zwei Sprachen fließend im Alltag. Das zeigt: Es geht.
Warum fällt meinem Kind eine Fremdsprache schwerer als anderen in der Klasse?
Weil Fremdsprachenlernen dieselben sprachlichen Verarbeitungsprozesse braucht, die deinem Kind auch in seiner Muttersprache schwerfallen. Das ist keine mangelnde Begabung, sondern eine bekannte Verbindung.
Gibt es Fremdsprachen, die bei Legasthenie / LRS leichter fallen?
Ja. Sprachen mit lautgetreuer Schreibweise, in denen Buchstaben und Laute eng zusammenhängen, sind in der Regel leichter zugänglich, zum Beispiel Spanisch oder Italienisch. Sprachen wie Englisch oder Französisch, in denen ein Laut auf viele unterschiedliche Arten geschrieben werden kann, sind erfahrungsgemäß anspruchsvoller. Auch Sprachen mit einem völlig anderen Schriftsystem, etwa Chinesisch, können für manche Kinder überraschend gut funktionieren, weil sie andere Fähigkeiten fordern als das lateinische Alphabet.
Welche Lernmethoden helfen meinem Kind am meisten?
Multisensorische Methoden, bei denen dein Kind mehrere Sinne gleichzeitig nutzt: hören, sprechen, schreiben, statt nur stumpf auswendig zu lernen. Aus meiner Praxis hilft es enorm, Vokabeln verstärkt mündlich zu nutzen und im echten Gespräch anzuwenden. Auch gezieltes Hörverständnis-Training bringt viel. Dazu genug Zeit und echter Sprachkontakt.
Ist es normal, dass mein Kind in einer Fremdsprache mehr Fehler macht als in der Muttersprache?
Ja, das ist bei Legasthenie / LRS sogar zu erwarten. Es sagt nichts über die Intelligenz oder den Fleiß deines Kindes aus.
Falls dich auch interessiert, ob Mehrsprachigkeit selbst eine Legasthenie / LRS auslösen kann, oder ob sie bei deinem Kind übersehen werden könnte: Dazu habe ich zwei weitere Artikel geschrieben, „Verursacht Mehrsprachigkeit eine Legasthenie / LRS?“ und „Warum wird eine Legasthenie / LRS bei mehrsprachigen Kindern oft übersehen?“.
Falls du wissen willst, wie du dein Kind bei Legasthenie / LRS und Fremdsprachenlernen konkret unterstützen kannst: Lass uns das in einem kostenlosen, unverbindlichen Erstgespräch gemeinsam anschauen.
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(Die Terminbuchung läuft über das Duden Institut International-Online, das ich selbst gegründet habe, kein anderer Anbieter.)
Quellen
Ganschow, L., Sparks, R. L., & Javorsky, J. (1998). Foreign Language Learning Difficulties: An Historical Perspective. Journal of Learning Disabilities, 31(3), 248–258. Volltext
Paulesu, E., Démonet, J.-F., Fazio, F., McCrory, E., Chanoine, V., Brunswick, N., Cappa, S. F., Cossu, G., Habib, M., Frith, C. D., & Frith, U. (2001). Dyslexia: Cultural Diversity and Biological Unity. Science, 291(5511), 2165–2167. DOI
Gao, Y., Zheng, L., Liu, X., Nichols, E. S., Zhang, M., Shang, L., Ding, G., Meng, X., & Liu, L. (2019). First and second language reading difficulty among Chinese–English bilingual children: The prevalence and influences from demographic characteristics. Frontiers in Psychology, 10, 2544. DOI
Sambai, A., Ju, Y., & Uno, A. (2022). Influence of cognitive abilities on literacy skills in a Korean–Japanese bilingual child with developmental dyslexia. Frontiers in Psychology, 13, 942775. DOI

