Inhaltsverzeichnis
- Häufige Fragen zur Berufswahl bei Legasthenie / LRS und Dyskalkulie / Rechenschwäche
- Kann man mit LRS oder Dyskalkulie Abitur machen?
- Kann man mit LRS oder Dyskalkulie studieren?
- Wie finde ich den passenden Beruf?
- Was in der Bewerbung hilft
- Nachteilsausgleich in der Ausbildung
- Was im Arbeitsleben wirklich zählt
- Höre selbst: echte Wege im Potenzialfrei?!-Podcast
- Du musst diesen Weg nicht allein finden
- Quellen
Nicht selten erlebe ich, dass Eltern sich schon bei ihren jungen Kindern Sorgen um die Zukunft machen. Verständlich: Wer in der Schule kämpft, für den wirkt der Start ins Berufsleben oft wie eine zweite, größere Hürde.
Ist das wirklich so?
In meinem Podcast Potenzialfrei?! rede ich mit Menschen, die genau diesen Weg schon gegangen sind. Marketing, Informatik, Video, Fotografie, Lehramt, eigene Gründung, Soziale Arbeit, Musik, Coaching, Schauspiel, Vertrieb, UX-Design, Strategieentwicklung. Bei jedem ein anderer Weg. Einige haben zuerst eine Ausbildung gemacht und später gezielt studiert, andere sind direkt ins Studium, wieder andere haben mehrere Ausbildungen absolviert. Niemand geht ohne Narben durch die heutige Schule. Menschen, die nicht ins vorgesehene System passen, tragen oft mehr davon. Aber: mein Weg ist nicht dein Weg, und dein Weg muss nicht der ideal erdachte Weg sein.
Lieber hören statt lesen? Weiter unten erzähle ich in der passenden Potenzialfrei?!-Podcast-Folge mehr dazu.
Häufige Fragen zur Berufswahl bei Legasthenie / LRS und Dyskalkulie / Rechenschwäche
Gibt es geeignete Berufe für Legasthenie / LRS?
Es gibt keine Berufsliste, die für alle passt. Wichtiger als der Beruf selbst scheint das Umfeld zu sein: Eine Übersichtsarbeit nennt unter anderem Unterstützung durch Arbeitgeber und Kolleginnen und Kollegen, Hilfsmittel am Arbeitsplatz und eigene Strategien als wichtige Faktoren (de Beer et al., 2014).
Kann man mit LRS oder Dyskalkulie eine Ausbildung machen?
Ja. Für den Nachteilsausgleich in der Ausbildung gelten besondere Zuständigkeiten, siehe unten.
Bekommt man in der Berufsschule Hilfe bei Legasthenie?
Ja, das ist möglich, aber rechtlich zweigeteilt: Berufsschule und Abschlussprüfung laufen über unterschiedliche Zuständigkeiten. Details im Abschnitt „Nachteilsausgleich“ unten.
Was bedeutet Legasthenie für den Schulabschluss?
Nichts Automatisches, aber ohne Unterstützung real messbar: Kinder mit Legasthenie besuchen trotz gleicher Begabung deutlich seltener das Gymnasium (12 bis 27 % gegenüber 40 bis 75 % ohne Legasthenie) und brechen sechsmal häufiger die Schule ab (Maurer, 2025, S. 98, mit Bezug auf das BVerfG-Urteil vom 22.11.2023). Keine Prognose für den Einzelfall, sondern ein Beleg dafür, warum früher Nachteilsausgleich in der Schule den Unterschied macht.
Wie wirkt sich Legasthenie später im Beruf aus?
Das hängt stark vom Arbeitsumfeld ab, nicht nur von der Legasthenie selbst. Mehr dazu im Abschnitt „Was im Arbeitsleben wirklich zählt“.
Kann man mit LRS oder Dyskalkulie Abitur machen?
Ja. Ich treffe zwar immer wieder auf Lehrkräfte, die meinen, wer Abitur macht, könne keine langanhaltenden Schwierigkeiten im Lesen, Schreiben oder Rechnen haben. Doch es gibt sie, und es gibt Unterstützungsmöglichkeiten. Die Regeln unterscheiden sich von Bundesland zu Bundesland. Auch ob sie für Legasthenie oder für Dyskalkulie gelten, wird unterschiedlich gehandhabt (Maurer, 2025, S. 95). Frage deshalb gezielt nach, etwa beim Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie. Auch ein Anruf bei Lerntherapie-Anbietern in deiner Region lohnt sich, denn sie kennen die Praxis vor Ort oft aus erster Hand.
Kann man mit LRS oder Dyskalkulie studieren?
Ja, je nach Ausprägung besteht auch im Studium die Möglichkeit, Unterstützung zu erhalten, zum Beispiel mehr Zeit bei Klausuren oder technische Hilfsmittel. Wie das konkret beantragt wird, welche Rechte dir zustehen und was ein Studentenwerk dabei leisten kann, steht ausführlich im eigenen Artikel „Nachteilsausgleich im Studium mit LRS oder RS“.
Wie finde ich den passenden Beruf?
Es gibt nicht die eine Liste geeigneter Berufe für Legasthenie / LRS, aber es gibt eine bewährte Herangehensweise: erst die eigenen Stärken und Interessen klären, dann gezielt Berufsfelder ausprobieren, statt Berufsfelder von vornherein aus Angst auszuschließen.
Kurzpraktika sind dafür der direkteste Weg. Statt nur über einen Beruf zu lesen oder zu sprechen, zeigen ein paar Tage im echten Arbeitsalltag deutlich schneller, ob eine Richtung passt, gerade weil sich viele Anforderungen im echten Betrieb anders anfühlen als in der Vorstellung.
Manche Berufsfelder stellen Lesen und Schreiben weniger in den Vordergrund, etwa handwerkliche Tätigkeiten oder Berufe im sozialen Bereich, in denen handwerkliches Geschick oder Kommunikationsstärke zählen. In anderen lassen sich gerade die eigenen Stärken gut nutzen: Wer gut mit Sprache im Kopf statt auf dem Papier umgeht, findet sich nicht selten in beratenden, redaktionellen oder kreativen Rollen wieder, wer analytisch denkt, in technischen Berufen. Das sind keine Garantien, nur Richtungen, die sich in der Praxis häufig zeigen, siehe auch die vielen unterschiedlichen Branchen meiner Podcast-Gäste im Potenzialfrei?!-Podcast. Am Ende zählt weniger das Berufsfeld an sich als die Frage, ob das konkrete Arbeitsumfeld deine Stärken nutzt statt sie zu übergehen, siehe „Was im Arbeitsleben wirklich zählt“ weiter unten.
„Es gibt nicht die ideale Berufswahl mit oder ohne das zusätzliche Gepäck von Lese-Rechtschreib- oder Rechenschwierigkeiten. Es gibt nur deinen Weg, zu deiner Zeit.“
— Mio Lindner
Was in der Bewerbung hilft
Offen mit dem eigenen Thema umzugehen, zahlt sich in der Bewerbung meist aus: Wer LRS oder Dyskalkulie von sich aus knapp erwähnt und dafür die eigenen Stärken und Erfolge in den Vordergrund stellt, wirkt selbstbewusster als jemand, der etwas zu verbergen versucht. Für fehlerfreie Bewerbungsunterlagen hilft es, sich Unterstützung zu holen, sei es bei einer Person oder technisch.
Nachteilsausgleich in der Ausbildung
Ein Nachteilsausgleich, zum Beispiel mehr Zeit bei Prüfungen oder erlaubte Hilfsmittel, ist kein Geschenk, sondern ein Recht (Art. 3 GG, Maurer, 2025, S. 93). Das Bundesverfassungsgericht hat dazu am 22.11.2023 ein wichtiges Urteil gesprochen (Maurer, 2025, S. 94). In der Ausbildung gilt eine doppelte Zuständigkeit: Die Berufsschule entscheidet nach Landesschulrecht, für die Gesellen- oder Abschlussprüfung gilt Bundesrecht (BBiG/HwO) über die Handwerkskammer oder Innung (Kirschbaum & Hanke, 2025, S. 366). Wer nicht danach fragt, verschenkt den Anspruch, wie der dokumentierte Fall eines Auszubildenden zeigt, der seine Ausbildung nach einer nicht bestandenen Zwischenprüfung abbrach, ohne von seinem Recht auf Nachteilsausgleich zu wissen (Höinghaus, 2025, S. 55).
Mehr dazu:
- Nachteilsausgleich im Studium: „Nachteilsausgleich im Studium mit LRS oder RS“
- Nachteilsausgleich im festen Job, Hilfsmittel und Gespräch mit dem Arbeitgeber: „Legasthenie / LRS im Beruf: Nachteilsausgleich und Tipps“
Was im Arbeitsleben wirklich zählt
Eine systematische Übersichtsarbeit hat 318 Einzelfaktoren aus 33 Studien zur Erwerbstätigkeit von Erwachsenen mit Legasthenie ausgewertet und danach geordnet, ob sie fördern oder hindern (de Beer et al., 2014). Wichtig waren unter anderem die Haltung und Unterstützung von Arbeitgebern und Kolleginnen und Kollegen, Hilfsmittel und Anpassungen am Arbeitsplatz sowie persönliche Faktoren wie ein offener Umgang mit dem Thema und Bewältigungsstrategien. Es sind also nicht allein die Lese- und Schreibschwierigkeiten, die den Berufsalltag bestimmen, sondern auch das Umfeld.
Was hilft, laut Studienlage:
- Verständnisvolle Vorgesetzte und Kolleginnen und Kollegen, die unterstützen
- Flexible Arbeitszeiten und Autonomie bei der Arbeit
- Zugang zu Hilfsmitteln wie Diktierfunktion, Vorlesefunktion (Text-zu-Sprache) und Rechtschreibhilfen (Böttcher & Venz, 2025, S. 343)
- Eigene Bewältigungsstrategien und die Bereitschaft, offen mit dem Thema umzugehen
Was das Arbeitsleben erschwert:
- Ein Arbeitsumfeld ohne Verständnis oder mit offener Ablehnung
- Fehlender Zugang zu Hilfsmitteln
Ergänzend beschreiben Böttcher und Venz (2025, S. 340) einen Mechanismus, der diesen Zusammenhang erklärt: Fehlt Unterstützung, übernehmen Betroffene häufiger Aufgaben unterhalb ihrer tatsächlichen Kompetenz. Das senkt das Zutrauen in die eigene berufliche Wirksamkeit, was wiederum dazu führt, dass noch seltener nach höher qualifizierten Aufgaben gegriffen wird. Ein Teufelskreis, der sich selbst bestätigt, aber kein Naturgesetz ist: Er lässt sich durchbrechen, sobald jemand bewusst eine Aufgabe oder eine Stelle wählt, die zu den eigenen Stärken passt statt zur eigenen Angst.
Aus meiner Erfahrung: Es lohnt sich, offen mit dem eigenen Thema umzugehen. Es zeigt sich meist mehr Unterstützung, als ich vorher geahnt hätte. Natürlich gibt es auch andere Erlebnisse, aber das Wissen, dass es auch im Erwachsenenalter Menschen mit LRS und Dyskalkulie gibt, setzt sich zunehmend durch. Diese Schwierigkeiten sagen nichts über das vorhandene Potenzial aus.
Höre selbst: echte Wege im Potenzialfrei?!-Podcast
Du bist mit deiner Frage nicht allein: Ich rede in dieser Folge und im ganzen Podcast mit Menschen aus ganz unterschiedlichen Branchen darüber, wie sie ihren eigenen Weg mit LRS oder Dyskalkulie gefunden haben. Niemand kann dir nach einem kurzen Eindruck ein Urteil über deinen Weg fällen, und das gilt auch für dich selbst.
Du musst diesen Weg nicht allein finden
Es gibt nicht die eine richtige Berufswahl bei LRS oder Dyskalkulie, es gibt nur deine Wahl. Und wenn du dich jetzt für etwas entscheidest, ist das keine endgültige Entscheidung für dein ganzes Leben, sondern nur ein erster Schritt, dem noch viele weitere folgen können. Wenn du wissen willst, welche Unterstützung, zum Beispiel ein Nachteilsausgleich, für deine Situation infrage kommt, lass uns das in einem kostenlosen, unverbindlichen Erstgespräch gemeinsam anschauen.
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(Die Terminbuchung läuft über das Duden Institut für Lerntherapie International Online, das ich selbst gegründet habe, kein anderer Anbieter.)
Quellen
- Böttcher, K. & Venz, L. (2025). Legasthenie am Arbeitsplatz: Psychosoziale Herausforderungen und Wege zu mehr Inklusion. In Böttcher, K. & Merkert, A. (Hrsg.), Neurodiversität und Legasthenie in Bildung und Beruf (Managementkonzepte, Bd. 41), S. 337–354. Nomos, Baden-Baden. Open Access (CC BY 4.0).
- Maurer, M. (2025). Rechtliche Rahmenbedingungen im Umgang mit Legasthenie und anderen Teilleistungsstörungen. Im selben Sammelband, S. 91–114. (BVerfG, Urteil v. 22.11.2023, 1 BvR 2577/15)
- Kirschbaum, A. & Hanke, S. (2025). Inklusive Ausbildung im Handwerk im Kontext von Legasthenie. Im selben Sammelband, S. 355–374.
- Höinghaus, A. (2025). Legasthenie: eine lebenslange Reise – ein Einblick vom Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie e. V. Im selben Sammelband, S. 41–62.
- de Beer, J., Engels, J., Heerkens, Y., & van der Klink, J. (2014). Factors influencing work participation of adults with developmental dyslexia: a systematic review. BMC Public Health, 14, Art. 77.
- Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie e. V. (2018). Legasthenie und Dyskalkulie im Erwachsenenalter – Ratgeber für Jugendliche und Erwachsene, 2. Aufl., S. 15 (Nachteilsausgleich).

