Dyskalkulie-Anzeichen bei Kindern: Woran du sie erkennst

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Manchmal reicht ein Blick ins Matheheft, um zu spüren: Hier stimmt etwas nicht, und es liegt weder an Faulheit noch an zu wenig Üben. Seit über 15 Jahren begleite ich als integrativer Lerntherapeut Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit Dyskalkulie / Rechenschwäche. Die Frage, die mir Eltern am häufigsten stellen, ist: Woran erkenne ich das eigentlich bei meinem Kind?

Eine sichere Antwort gibt am Ende nur eine strukturierte Testung. Aber es gibt konkrete Anzeichen, die schon vorher zeigen, wann sich ein genauerer Blick lohnt, vom Kindergartenalter bis weit in die Schulzeit hinein. Genau die liest du hier.

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Du bist dir unsicher, ob das, was dir bei deinem Kind auffällt, wirklich auf eine Dyskalkulie hindeutet? Eine sichere Diagnose braucht am Ende immer eine strukturierte Testung, aber mit meiner Kurzanalyse bekommst du in wenigen Minuten eine erste Orientierung.

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Lieber hören statt lesen? Weiter unten geht es zu meiner Podcast-Folge zum Thema.

Was ist Dyskalkulie und wie äußert sie sich?

Dyskalkulie, die Rechenschwäche, ist keine vorübergehende Schwäche im Matheunterricht, sondern eine eigenständige Entwicklungsstörung im Umgang mit Zahlen und Mengen, das bestätigt die AWMF-S3-Leitlinie zur Rechenstörung. Sie betrifft nicht nur das reine Rechnen selbst, sondern zeigt sich schon im grundlegenden Verständnis von Zahlen und Mengen zueinander, dem sogenannten Zahlensinn (Landerl & Fussenegger, 2007). Mehr zu Ursachen, Diagnose und Behandlung liest du in meinem Artikel Dyskalkulie / Rechenschwäche: Ursachen, Diagnose und Behandlung.

Wichtig direkt vorweg: Dyskalkulie bedeutet nicht, dass dein Kind weniger begabt ist. Für die Diagnose wird eine Intelligenzminderung ausgeschlossen, und die Leitlinie empfiehlt nicht, die Rechenleistung mit der Intelligenz zu vergleichen (AWMF 028-046). Häufig treten zusätzlich andere Schwierigkeiten auf, zum Beispiel ADHS. Wenn du die folgenden Anzeichen bei deinem Kind wiedererkennst, ist das also kein Grund zur Panik, sondern ein guter Anlass, genauer hinzusehen.

Ab wann zeigen sich erste Anzeichen? Kindergarten und 1. Klasse

Schon im Kindergarten und in der 1. Klasse können sich erste Anzeichen für eine Rechenstörung zeigen, das hält die AWMF-S3-Leitlinie zur Rechenstörung ausdrücklich fest. Gleichzeitig macht sie eine wichtige Einschränkung: Die Mathematikleistung schwankt in diesem Altersbereich noch und wird vor allem mit Beginn der 2. Klasse stabiler, wodurch die Diagnosesicherheit in diesem Altersbereich erhöht ist. Für dich als Elternteil heißt das: Auffälligkeiten im Kindergartenalter sind ein Signal, genauer hinzuschauen, aber noch keine Gewissheit. Fachleute nutzen für diese frühe Phase eigene Risikoscreening-Verfahren, die sich von den späteren Diagnostik-Testverfahren unterscheiden.

Trotzdem lohnt sich das frühe Hinschauen: Bei einem erkannten Risiko soll die Förderung nach der Leitlinie schon im letzten Kindergartenjahr beginnen, weil sich das nachweislich positiv auf die spätere Mathematikkompetenz und die schulischen Leistungen auswirkt (Ise & Schulte-Körne, 2013/2018).

Woran das schon im Kindergartenalter erkennbar sein kann, hat mir meine Kollegin Johanna Grimm, Logopädin in meinem Team, in unserem Podcast erklärt: Kinder sollten bis zum Schuleintritt Mengen erfassen können und verstehen, was Zahlen bedeuten. Auch sprachliche Fähigkeiten spielen eine Rolle. Warum Mathe Sprache braucht und worauf du im Kindergarten achten kannst, steht im Beitrag Mathe braucht Sprache: Was dein Kind vor der Schule dafür mitbringt.

Mehr zu diesen Vorläuferfertigkeiten aus logopädischer Sicht hörst du in meiner Podcast-Folge mit Johanna Grimm aus meinem Team.

Podcast-Folge mit Johanna Grimm: Vorläuferfertigkeiten für Mathe im Kita-Alter

Anzeichen für Dyskalkulie in der 1. und 2. Klasse

Vor allem in der ersten und zweiten Klasse ist das schwer einzuschätzen: Am Anfang macht jedes Kind beim Rechnenlernen Fehler, das gehört dazu. Bleiben diese Anzeichen aber über längere Zeit bestehen, können sie auf eine Dyskalkulie hindeuten:

  • Zählt unsicher, vergisst Zahlen, zählt sehr langsam oder verzählt sich beim Vor- und Rückwärtszählen
  • Erkennt Muster und Strukturen im Zahlenraum kaum oder gar nicht
  • Kann kleine Mengen nicht auf einen Blick erfassen, zum Beispiel drei Punkte auf einem Würfelbild, sondern muss immer einzeln nachzählen
  • Vertauscht Zahlen beim Schreiben, etwa 13 und 31 oder 6 und 9
  • Braucht auch nach vielen Wiederholungen bei einfachen Aufgaben wie 3 plus 2 noch lange, lernt sie eher wie ein Gedicht auswendig statt den Rechenweg zu verstehen, und vergisst sie kurz darauf wieder
  • Reagiert mit Frust, Wut oder Vermeidung, sobald Mathematik ansteht

Ein Warnzeichen aus meiner eigenen Praxis: Wenn dein Kind am Ende der ersten Klasse im Zahlenraum bis 10 noch keine Sicherheit hat, oder in der zweiten Klasse bei einer Aufgabe wie 13 minus 7 so überfordert ist, dass es sie nur auswendig lernt oder mühsam runterzählt, und am nächsten Tag ist alles wieder vergessen, dann lohnt sich eine zweite Meinung.

Mehr zu diesen frühen Warnzeichen erkläre ich in meiner Podcast-Folge „Dyskalkulie erkennen in Klasse 1: Frühwarnsignale“.

Dyskalkulie erkennen in Klasse 1: Frühwarnsignale

Anzeichen für Dyskalkulie ab der 3. Klasse und im weiteren Schulverlauf

Je komplexer der Stoff wird, desto deutlicher zeigen sich die eigentlichen Schwierigkeiten oft erst: schriftliche Rechenverfahren, Kopfrechnen mit größeren Zahlen, Textaufgaben oder Sachrechnen. Kinder, die im Zahlenraum bis 20 gerade noch mitgekommen sind, geraten spätestens hier an ihre Grenzen, weil die grundlegende Handlungsvorstellung für Zahlen fehlt, auf der alles Weitere aufbaut. Statt zu verstehen, was beim Rechnen eigentlich passiert, wird jede Aufgabe wie ein auswendig gelerntes Gedicht behandelt und ist wenig später wieder vergessen.

Ein Anzeichen, das mit der Zeit oft zunimmt statt abzunehmen: Rechenangst. Bei Kindern mit Dyskalkulie gibt es Hinweise auf einen Zusammenhang zwischen schwacher Rechenleistung und Angst vor dem Fach. Beides kann sich gegenseitig verstärken, das ist plausibel, aber nicht abschließend belegt (Rubinsten & Tannock, 2010). Häufig äußert sich das durch Bauchschmerzen vor dem Matheunterricht, Streit ums Hausaufgabenmachen oder Sätze wie „Ich kann das einfach nicht“, obwohl das Kind sich wirklich anstrengt.

„Rechenschwäche ist genauso wenig eine Frage von Fleiß oder Intelligenz wie Legasthenie / LRS. Nur ist sie noch weniger bekannt und wird viel seltener erkannt.“

— Mio Lindner

Häufige Fragen zu Dyskalkulie-Anzeichen

Ist jeder Rechenfehler ein Anzeichen für Dyskalkulie?
Nein. Am Anfang macht jedes Kind Fehler beim Rechnenlernen, das ist normal. Problematisch wird es, wenn dieselben Schwierigkeiten trotz regelmäßigem Üben über längere Zeit bestehen bleiben und sich nicht wie bei anderen Kindern durch Übung von selbst bessern.

Was tue ich, wenn ich mehrere dieser Anzeichen bei meinem Kind wiedererkenne?
Der erste Schritt ist keine Panik, sondern eine genauere Einordnung. Eine Kurzanalyse oder ein unverbindliches Erstgespräch geben dir eine erste Orientierung. Für den Start einer Lerntherapie brauchst du noch keine ärztliche ICD-Diagnose, mehr dazu in meinem Artikel Dyskalkulie-Test für Kinder: So läuft die Diagnose ab.

Ab welchem Alter lässt sich Dyskalkulie zuverlässig feststellen?
Laut AWMF-S3-Leitlinie wird die Diagnosesicherheit vor allem mit Beginn der 2. Klasse höher, weil die Mathematikleistung davor noch stärker schwankt. Im Kindergarten und in der 1. Klasse geht es deshalb zunächst um Risikoeinschätzung, nicht um eine endgültige Diagnose.

Wächst sich Dyskalkulie mit der Zeit von selbst aus?
Nein. Ohne gezielte Förderung bleiben die Schwierigkeiten bestehen, mit der richtigen Unterstützung lernen Kinder aber, sie wirksam auszugleichen, je früher, desto besser (Ise & Schulte-Körne, 2013/2018).

Was die Wissenschaft sagt

Wie stark sich gezielte Förderung auswirken kann, zeigt eine Trainingsstudie mit bildgebenden Verfahren: Bei Kindern mit Dyskalkulie veränderte sich nach einem gezielten Computertraining zum Aufbau des Zahlenstrahls messbar die Hirnaktivität, ein Hinweis darauf, dass frühes Erkennen und gezielte Förderung wirklich etwas verändern, nicht nur an der Oberfläche (Kucian et al., 2011). Der Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie (BVL) macht Eltern dazu ausdrücklich Mut: „Mit guter Förderung und starkem Rückhalt stehen Ihrem Kind alle Wege offen.“

Fazit: Wann lohnt sich ein genauerer Blick?

Die meisten der genannten Anzeichen kommen einzeln auch bei Kindern ohne Dyskalkulie vor, kein Grund also, bei einem einzelnen Punkt gleich zu beunruhigt zu sein. Entscheidend ist die Kombination mehrerer Anzeichen und vor allem, wie lange sie trotz Übung bestehen bleiben. Im Zweifel lohnt es sich, lieber einmal zu früh als zu spät genauer hinzuschauen.

Wie sehr sich unbehandelte Dyskalkulie sogar bis ins Erwachsenenleben ziehen kann, oft unbemerkter, als man denkt, liest du in meinem Artikel Dyskalkulie im Job.

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Alle Wege zu Potenzialfrei!?

Quellen

  • Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF). S3-Leitlinie Diagnostik und Behandlung der Rechenstörung, Registernummer 028-046 (Ise, E., & Schulte-Körne, G.). register.awmf.org/de/leitlinien/detail/028-046
  • Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie e. V. (BVL). Tipps für Eltern von Kindern mit Dyskalkulie. bvl-legasthenie.de/dyskalkulie/tipps-fuer-eltern.html
  • Landerl, K., & Fussenegger, B. (2007). Dyskalkulie und Legasthenie: Same or different? LeDy – Mitgliederzeitschrift des BVL, 4/2007, 5–12. PDF
  • Kucian, K., Grond, U., Rotzer, S., Henzi, B., Schönmann, C., Plangger, F., & von Aster, M. (2011). Mental number line training in children with developmental dyscalculia. NeuroImage, 57(3), 782–795. doi.org/10.1016/j.neuroimage.2011.01.070
  • Rubinsten, O., & Tannock, R. (2010). Mathematics anxiety in children with developmental dyscalculia. Behavioral and Brain Functions, 6, 46. doi.org/10.1186/1744-9081-6-46
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