Inhaltsverzeichnis
- 1. Anzeichen erkennen
- 2. Individuell fördern statt gleich behandeln
- 3. Mehrere Sinne ansprechen
- 4. Lesetandems bilden
- 5. Technische Hilfsmittel nutzen
- 6. Fortschritt statt Fehler feiern
- 7. Geduld und Zeit lassen
- 8. Visuell strukturieren
- 9. Austausch suchen, nicht alles allein tragen
- 10. Neue Technologien in den Unterricht integrieren
- Häufige Fragen
- Quellen
Vor einiger Zeit hat mich die Frage einer Lehrkraft erreicht: „Was kann ich im Klassenzimmer tun, um ein Kind mit Legasthenie / LRS zu unterstützen?“ Ich finde solche Fragen großartig. Sie zeigen, dass jemand bereits erkannt hat: Dieses Kind braucht etwas anderes als der Rest der Klasse. Aus dieser Frage ist eine ganze Podcast-Folge entstanden, und dieser Artikel fasst sie zusammen.
Legasthenie / LRS betrifft viele Kinder in jeder Klasse, meist mehr als man denkt. Die Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben haben nichts mit Intelligenz oder mangelnder Anstrengung zu tun. Trotzdem prägen sie den Schulalltag: Frustration, Vermeidungsverhalten, sinkendes Selbstvertrauen. Du als Lehrkraft kannst hier viel bewirken, und zwar ohne dass du das allein stemmen musst.
🎧 Lieber hören? Diese 10 Strategien sind ursprünglich als Podcast-Folge entstanden. Weiter unten kannst du sie dir direkt anhören.
1. Anzeichen erkennen
Der erste Schritt ist, überhaupt hinzusehen. Vertauschte Buchstaben, auffällig langsames Lesen, Rechtschreibfehler, die sich trotz Übens nicht bessern. Aber auch Verhalten gehört dazu: Ein Kind, das sich beim Vorlesen wegduckt oder plötzlich stört, sobald ein Text drankommt, zeigt dir oft mehr als jeder Test. Typische Anzeichen für unterschiedliche Altersstufen findest du ausführlich in meinem Anzeichen-Beitrag.
2. Individuell fördern statt gleich behandeln
Kein Kind mit Legasthenie / LRS gleicht dem anderen. Manche brauchen mehr Zeit, andere profitieren davon, eine Aufgabe mündlich statt schriftlich zu zeigen. Nachteilsausgleich kann genau das leisten: mehr Bearbeitungszeit, eine stärkere Gewichtung mündlicher Leistungen, angepasste Aufgabenformate. Wie genau das an deiner Schule geregelt ist, unterscheidet sich von Bundesland zu Bundesland, aber die Grundidee bleibt gleich: Das Kind soll zeigen können, was es kann, ohne an der Schriftsprache zu scheitern. Rechtlich ist das kein Kulanz-Akt: Legasthenie gilt nach einer verfassungsrechtlichen Untersuchung von Marwege (2013) als Behinderung im Sinne von Art. 3 III GG und der UN-Behindertenrechtskonvention.
3. Mehrere Sinne ansprechen
Buchstaben kneten, mit farbigen Markierungen arbeiten, Laute mit Bewegungen verbinden. Multisensorisches Lernen macht abstrakte Schriftsprache greifbarer und hilft nicht nur Kindern mit LRS. Der Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie nennt genau solche mehrkanaligen Zugänge in seiner Handreichung für Lehrkräfte als einen zentralen Baustein (BVL, 2018).
4. Lesetandems bilden
Wenn zwei Kinder gemeinsam lesen, sinkt der Druck. Fehler werden zum normalen Teil des Prozesses statt zur Bloßstellung vor der ganzen Klasse.
5. Technische Hilfsmittel nutzen
Vorlese-Software, Rechtschreibkorrektur, für ältere Kinder oft schon die Tastatur statt der Hand. Was am besten hilft, ist von Kind zu Kind verschieden, deshalb lohnt sich Ausprobieren.
6. Fortschritt statt Fehler feiern
Kinder mit langanhaltenden Lernschwierigkeiten erleben viele Misserfolge. Jede noch so kleine Verbesserung verdient echte Anerkennung, nicht nur ein Häkchen unter der Arbeit.
7. Geduld und Zeit lassen
Manche Rechtschreibregeln, die andere Kinder in der zweiten Klasse beherrschen, brauchen bei Legasthenie / LRS deutlich länger, teils bis in höhere Klassenstufen. Das ist kein Zeichen von Faulheit. Wenn ein Kind es schafft, einen eigenen Text im Nachhinein selbst zu korrigieren, ist das oft schon eine große Leistung für sich.
8. Visuell strukturieren
Farblich markierte Textpassagen, Lernplakate, Mindmaps. Eine klare visuelle Struktur erleichtert es, Zusammenhänge zu erfassen, gerade wenn reiner Fließtext überfordert.
9. Austausch suchen, nicht alles allein tragen
Der Austausch mit Eltern, Sonderpädagog:innen oder Lerntherapeut:innen ist keine Schwäche, sondern der Grund, warum Förderung überhaupt gelingt. Du musst als Lehrkraft nicht selbst diagnostizieren oder therapieren. Deine Aufgabe ist, Anzeichen zu bemerken und die richtigen Stellen einzubeziehen. Eine ausführliche, kostenlose Praxisanleitung dazu bietet die Handreichung für Lehrkräfte des Bundesverbands Legasthenie und Dyskalkulie.
10. Neue Technologien in den Unterricht integrieren
Das ist etwas anderes als Punkt 5: Statt einzelner Hilfsmittel für ein Kind geht es hier um Lernsoftware, Tablets oder Text-zu-Sprache, die direkt im normalen Unterricht mitlaufen, für die ganze Klasse. So wird Unterstützung nicht zu etwas Zusätzlichem, das ein Kind aus der Gruppe heraushebt.
„Lehrkräfte müssen nicht alles alleine bewältigen.“
— Mio Lindner
Diese 10 Strategien ersetzen keine Diagnostik und keine Lerntherapie. Aber sie können den Unterschied machen, ob sich ein Kind mit Legasthenie / LRS in deinem Klassenzimmer verstanden fühlt oder allein gelassen. Dass strukturierte, gezielte Förderansätze tatsächlich wirken, bestätigt auch eine Meta-Analyse randomisiert-kontrollierter Studien (Galuschka, Ise, Krick & Schulte-Körne, 2014). Einfühlsamkeit, Geduld und eine differenzierte Herangehensweise sind dabei der Schlüssel.
Diese 10 Strategien habe ich ursprünglich in meiner Podcast-Folge „LRS im Klassenraum: Diese 10 Strategien sollte jede Lehrkraft kennen“ vorgestellt.
Häufige Fragen
Muss ich als Lehrkraft selbst eine Diagnose stellen können?
Nein. Das übernehmen entsprechend qualifizierte Fachstellen. Deine Aufgabe ist, Anzeichen zu bemerken und Eltern auf die richtigen Ansprechpartner hinzuweisen.
Was, wenn Eltern die Schwierigkeiten ihres Kindes nicht wahrhaben wollen?
Bleib bei konkreten Beobachtungen statt bei Diagnosen oder Vorwürfen, und biete den Kontakt zu Fachstellen an. Manchmal braucht es Zeit, bis Eltern so weit sind.
Gilt Nachteilsausgleich automatisch für jedes Kind mit LRS?
Nein, das hängt von Bundesland und Schule ab. Es lohnt sich, das Gespräch mit der Schulleitung zu suchen, sobald eine Förderdiagnostik vorliegt. An manchen Schulen gibt es dafür außerdem eine eigens benannte Lehrkraft im Kollegium, oft als „LRS-Beauftragte(r)“ bezeichnet, die genau für solche Fragen die erste Anlaufstelle ist.
Was, wenn ich selbst unsicher bin, welche Maßnahme die richtige ist?
Genau dafür gibt es Sonderpädagog:innen und Lerntherapeut:innen. Niemand erwartet, dass du das allein weißt.
Bist du als Lehrkraft unsicher, ob ein Kind in deiner Klasse zusätzliche Unterstützung braucht, oder möchtest du Eltern eine konkrete Anlaufstelle nennen können? Lass uns das in einem kostenlosen, unverbindlichen Erstgespräch gemeinsam anschauen.
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(Die Terminbuchung läuft über das Duden Institut International-Online, das ich selbst gegründet habe, kein anderer Anbieter.)
Quellen
- Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie e. V. (2018). Handreichung für Lehrkräfte: Legasthenie in der Schule (5. Auflage). PDF
- Marwege, G. (2013). Legasthenie und Dyskalkulie in der Schule. Eine verfassungsrechtliche Untersuchung. Universitätsverlag Göttingen. Volltext (CC-BY-SA)
- Galuschka, K., Ise, E., Krick, K., & Schulte-Körne, G. (2014). Effectiveness of Treatment Approaches for Children and Adolescents with Reading Disabilities: A Meta-Analysis of Randomized Controlled Trials. PLOS ONE, 9(2), e89900. DOI: 10.1371/journal.pone.0089900
- Lenhard, W. (2025). Legasthenie – Definition, Ursachen, Diagnostik und Förderung. In Böttcher & Merkert (Hrsg.). DOI-Präfix des Sammelbands: 10.5771/9783748963349. (Nachteilsausgleich/Notenschutz existieren analog zum Erwachsenen-/Berufskontext auch schon in der Schule.)
- Potenzialfrei!? Podcast, Folge „LRS im Klassenraum: Diese 10 Strategien sollte jede Lehrkraft kennen“: youtu.be/gwwaWv9MWvg

