Ich frage mich immer wieder, wo Lehrkräfte ihre Glaskugel herhaben.

Manche Aussagen von Lehrkräften erstaunen mich immer noch.

Vor Kurzem hatte ich eine Familie in der Beratung, die noch ganz unter dem Eindruck eines Gesprächs mit der Klassenlehrerin ihres Kindes stand. Das Gespräch hatte sich zugespitzt und endete nach 30 Minuten mit dem Satz: „Aus Ihrem Kind wird nichts werden!“

Ich frage mich, was der pädagogische Gedanke dahinter sein soll, Eltern so etwas zu sagen. Und ich frage mich, wie ein Gespräch überhaupt so eskalieren kann.

Vor allem aber frage ich mich: Woher soll eine Lehrkraft die Zukunft eines neunjährigen Kindes vorhersagen können?

Die Eltern erfuhren später, dass ihr Kind dieses Urteil schon kannte. Es hatte den Satz bereits vor der ganzen Klasse gehört.

Ob der Lehrkraft bewusst ist, welche Wirkung so ein Satz hat? Das Gesicht wird irgendwann vergessen. Die Stimme wird irgendwann vergessen. Die Aussage bleibt.

Das ist kein Zufall, sondern gut erforscht. Schon Rosenthal und Jacobson zeigten 1968, dass die Erwartungen von Lehrkräften die tatsächliche Entwicklung von Kindern beeinflussen können, ein sich selbst erfüllender Mechanismus, der bis heute als „Pygmalion-Effekt“ bekannt ist. Und ein stabiles Selbstkonzept wirkt nachweislich wie ein Schutzfaktor gegen Ängste (Polychroni et al., 2024). Umso schwerer wiegt es, wenn genau dieses Selbstkonzept durch einen einzigen Satz beschädigt wird.

Achtet auf eure Kinder: was sie sich anhören müssen, welche Urteile sie über sich hören, und wie ihr sie stattdessen stärkt.

P.S. Ich weiß, das ist nicht der übliche Umgang von Lehrkräften. Dass es trotzdem passiert, bleibt erschreckend.

P.P.S. Das Kind war neun Jahre alt.

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Quellen

  • Rosenthal, R., & Jacobson, L. (1968). Pygmalion in the Classroom. The Urban Review, September 1968, 16–20. DOI: 10.1007/BF02322211
  • Polychroni, F., Antoniou, F., Kofa, I., & Charitaki, G. (2024). Reading self-concept, trait emotional intelligence and anxiety of primary school children with dyslexia. Frontiers in Education. DOI: 10.3389/feduc.2024.1371627