Verursacht Mehrsprachigkeit eine Legasthenie / LRS?

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Ein Satz, den ich in meiner Praxis immer wieder höre: „Das liegt bestimmt daran, dass wir zu Hause zweisprachig sind.“ Er klingt einleuchtend. Fast logisch. Und er ist trotzdem falsch.

Mehrsprachigkeit allein ist keine Erklärung für eine Legasthenie / LRS oder eine Dyskalkulie / Rechenschwäche. Das erlebe ich auch in meiner täglichen Arbeit mit mehrsprachigen Kindern und ihren Familien.

Trotzdem hält sich der Mythos hartnäckig. Warum? Weil er eine schnelle Erklärung liefert. Für ein Problem, das eigentlich viel genauer hingeschaut werden müsste.

Ich verstehe, warum Eltern zu diesem Satz greifen. Er entlastet erstmal. Er klingt nach einer Phase, die vorbeigeht, sobald das Deutsch besser wird. Aber genau das kann zum Problem werden, wenn dahinter tatsächlich eine Legasthenie / LRS steckt, die dadurch übersehen wird. Dazu habe ich einen eigenen Artikel geschrieben. Hier geht es erstmal um die Grundfrage: Macht Mehrsprachigkeit an sich anfälliger für Lernschwierigkeiten?

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Lieber hören statt lesen? Weiter unten geht es zu meinem Video „Mehrsprachigkeit als Chance“.

Was Mehrsprachigkeit wirklich mit dem Lernen macht

Mehrsprachig aufwachsende Kinder trainieren etwas, das einsprachige Kinder in dieser Form nicht brauchen: ständiges Wechseln zwischen Sprachsystemen. Das schult kognitive Funktionen, die weit über die Sprache hinaus wirken.

Laut einer Zusammenfassung von Lenhard und Lenhard kann sich mehrsprachiges Aufwachsen positiv auf einige kognitive Leistungen auswirken, etwa auf die Aufmerksamkeitssteuerung und das Arbeitsgedächtnis. Dem stehen Nachteile bei Wortschatz und Satzbau in der Landessprache gegenüber (Lenhard & Lenhard, 2017/2023). Mehrsprachige Kinder müssen die ganze Zeit damit umgehen, mehrere aktive Sprachen zu haben und jeweils eine davon zu unterdrücken. Das ist Training, jeden Tag.

Dem stehen tatsächlich Herausforderungen gegenüber. Der Erwerb mehrerer Sprachen bedeutet zunächst einen höheren Lernaufwand. Wortschatz, Satzbau, Hörverstehen in der Landessprache brauchen länger, um sich vollständig auszubilden. Aber ein höherer Aufwand ist keine Störung. Er ist Mehrarbeit, die sich langfristig auszahlt.

Auch im Matheunterricht ist Mehrsprachigkeit eher Ressource als Risiko, wenn man sie nutzt, statt sie zu ignorieren. Die Mathematikdidaktikerinnen Prediger, Uribe und Kuzu haben zusammengetragen, wie unterschiedlich Sprachen mathematische Sachverhalte verbalisieren, und wie sehr das Denken beeinflusst. Ein Beispiel: Im Türkischen wird bei einem Bruch erst das Ganze genannt, dann der Teil. Der Bruch ⅗ heißt dort wörtlich „fünf, darin drei“. Vergleich das einmal mit der deutschen Sprechweise. Sofort wird sichtbar, wie viele unterschiedliche Zugänge es zum selben mathematischen Sachverhalt geben kann. Das ist keine Verwirrung. Das ist ein zusätzlicher Denkweg.

Wenn wir mehrsprachigen Kindern begegnen, begegnen wir also nicht automatisch einem Risiko für Lernschwierigkeiten. Wir begegnen einem größeren sprachlichen Werkzeugkasten. Und Kindern, die täglich mehr leisten, als einsprachig aufwachsende Kinder es müssen.

Beispiel aus der Praxis: Jamila sprach, las und schrieb fließend in vier Sprachen: Arabisch, Deutsch, Türkisch und Englisch. Ihre Eltern kannten sie eigentlich als lebensfrohes Kind. Doch ab der dritten Klasse zog sie sich immer mehr zurück, verlor die Lust an ihren Hobbys. Der Grund waren Schwierigkeiten im Matheunterricht: Sie blieb eine zählende Rechnerin, das kleine Einmaleins wurde zu ihrem größten Frust. Lernprogramme und Nachhilfe halfen nicht. Erst die Förderdiagnostik zeigte den wahren Grund: Jamila konnte die mathematischen Handlungen längst, etwa beim Backen mit ihrer Oma. Nur kannte sie dafür keine deutschen Fachbegriffe. Wörter wie „dazu“ oder „wegnehmen“ benutzte sie fast ausschließlich auf Arabisch. Nicht ihre Mehrsprachigkeit war das Problem. Sondern eine fehlende Brücke zwischen dem, was sie schon konnte, und der Sprache, in der der Unterricht sie abfragte.

Jamilas Geschichte und viele weitere aus meiner Praxis erzähle ich ausführlicher in meinem Buch „Umty. Leben mit Legasthenie und Dyskalkulie“.

Was die Forschung noch zeigt: Bildungschancen und soziale Herkunft

Ein zweiter Blick lohnt sich auf die tatsächlichen Ursachen für schlechtere Bildungschancen bei manchen mehrsprachigen Kindern, denn die gibt es. Nur liegen sie nicht in der Mehrsprachigkeit selbst.

Die Migrationsforscherin Mohini Lokhande hat für den Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration 53 Studien zur Bildungsbeteiligung von Kindern mit Migrationshintergrund ausgewertet. Ihr Ergebnis: Die geringeren Bildungschancen lassen sich zu einem großen Teil durch die soziale Herkunft erklären, also den Bildungsabschluss der Eltern oder ihren gesellschaftlichen Status. Nicht durch die Sprache, die zuhause gesprochen wird.

Kinder aus Zuwandererfamilien haben bei Bildungschancen zum Teil sogar bessere Aussichten: Bei vergleichbarer sozialer Herkunft, gleichen Kompetenzen und gleichen Bewertungen durch die Lehrkraft besuchen sie mit höherer Wahrscheinlichkeit ein Gymnasium als Kinder ohne Migrationshintergrund (Lokhande, 2016). Die Studie betrachtet den Migrationshintergrund, nicht die Mehrsprachigkeit selbst.

Was heißt das für dich als Elternteil? Wenn dein Kind mit Lernschwierigkeiten kämpft, lohnt es sich, genauer hinzuschauen, statt die Mehrsprachigkeit als Erklärung zu nehmen. Denn manchmal steckt dahinter tatsächlich eine Legasthenie / LRS oder Rechenschwäche, die durch diesen Mythos einfach übersehen wird. Genau darüber habe ich einen eigenen Artikel geschrieben.

„Mehrsprachigkeit ist kein Risikofaktor. Sie ist eine Ressource, die unser Bildungssystem gerade erst zu nutzen lernt.“

— Mio Lindner

In meinem Video „Mehrsprachigkeit als Chance“ fasse ich diesen Mythos noch einmal kurz zusammen.

Mehrsprachigkeit als Chance: Lernschwierigkeiten nicht auf Mehrsprachigkeit schieben

Häufige Fragen

Macht Mehrsprachigkeit mein Kind anfälliger für eine LRS?
Nein. Mehrsprachigkeit ist keine Ursache für eine Legasthenie / LRS oder Rechenschwäche. Mehrsprachigkeit kann sich auf einige kognitive Fähigkeiten auch positiv auswirken (Lenhard & Lenhard, 2017/2023).

Warum hat mein mehrsprachiges Kind trotzdem Schwierigkeiten beim Lesen, Schreiben oder Rechnen?
Meist liegen andere Gründe dahinter: unterschiedliche Schriftsysteme, fehlende Fachbegriffe in der Unterrichtssprache, oder eine eigenständige Lernschwierigkeit, die unabhängig von der Mehrsprachigkeit besteht.

Braucht mein mehrsprachiges Kind länger, um Lesen, Schreiben und Rechnen zu lernen?
Der Erwerb mehrerer Sprachen bedeutet zunächst einen höheren Lernaufwand. Das ist normal, keine Störung. Etwas mehr Zeit einzuplanen, kann schon viel bewirken.

Sollte ich zu Hause nur noch Deutsch mit meinem Kind sprechen?
Nein. Die Familiensprache(n) beizubehalten schadet dem Deutscherwerb nicht, sondern unterstützt die kognitive Entwicklung insgesamt.

Wann sollte ich trotzdem eine Diagnostik in Betracht ziehen?
Wenn die Schwierigkeiten über das hinausgehen, was der zusätzliche Sprachlernaufwand erklärt, oder über die Zeit nicht abnehmen. Mehr dazu in meinem Artikel darüber, warum eine LRS bei mehrsprachigen Kindern oft übersehen wird.

Falls du unsicher bist, ob bei deinem mehrsprachigen Kind mehr als nur der zusätzliche Sprachlernaufwand dahintersteckt: Lass uns das in einem kostenlosen, unverbindlichen Erstgespräch gemeinsam anschauen.

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(Die Terminbuchung läuft über das Duden Institut International-Online, das ich selbst gegründet habe, kein anderer Anbieter.)

Quellen

Lokhande, M. (2016). Doppelt benachteiligt? Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund im deutschen Bildungssystem. Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration. PDF

Lenhard, A., & Lenhard, W. (2017/2023). Diagnostik von Lesestörungen mit ELFE II bei Kindern mit Migrationshintergrund (inklusive adaptierter Normen). Psychometrica. psychometrica.de

Prediger, S., Uribe, Á., & Kuzu, T. (2019). Mehrsprachigkeit als Ressource im Fachunterricht – Ansätze und Hintergründe aus dem Mathematikunterricht. Lernende Schule, 86, 20–24. PDF

Lindner, M. (2026). UMTY. Leben mit Legasthenie und Dyskalkulie. YessYess Verlag.